Alles Bachelor, oder was?
Diplom und Magister, das war einmal, die Zukunft gehört Bachelor und Master. Zusammen mit dem Zauberwort Bologna geistern die neuen Abschlüsse durch die Medien — doch worum genau geht es bei diesem Thema eigentlich? Wie weit ist Deutschland bei der Umstellung? Und was bedeutet das für die künftigen Studierenden?
Seit 2000 wächst die Zahl der Bachelor- und MAsterstudiengängen.
Foto: KonzeptQuartier
Bereits 1999 haben sich rund 30 europäische Staaten in der sogenannten Bologna-Erklärung zum gemeinsamen Ziel eines einheitlichen europäischen Hochschulraumes bekannt: Eine dreistufige Studienstruktur (Bachelor, Master, Promotion) mit vergleichbaren Abschlüssen und einem kompatiblen Noten- und Bewertungssystem sollte die internationale Mobilität der Studierenden fördern und die europäischen Hochschulen im globalen Wettbewerb der Bildungssysteme attraktiver machen.
Heute, zehn Jahre später, sind in Deutschland insgesamt rund 75 Prozent aller Studiengänge auf Bachelor und Master umgestellt, an den Fachhochschulen sind es sogar bereits 94 Prozent. Der Anteil der in diesen neuen Studiengängen eingeschriebenen Studierenden ist mit derzeit rund 30 Prozent noch ziemlich gering, allerdings mahnt Dr. Peter Zervakis, Leiter des Bologna-Zentrums der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), zu interpretatorischer Vorsicht: „Unsere Hochschulen leisten die Umstellung parallel zu den alten Studienprogrammen mit Diplom- und Magisterabschluss - weil wir der Überzeugung sind, dass die Studierenden das Recht haben, so fertig zu studieren, wie sie begonnen haben. In anderen Ländern wurde das radikaler gehandhabt, da gab es mit einem Schlag die alten Strukturen nicht mehr - mit allen Konsequenzen."
Besonders eifrig in Sachen Bologna zeigen sich laut HRK-Hochschulkompass die Bundesländer Hamburg, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Berlin: Hier waren zum Wintersemester 2008/2009 jeweils mehr als 90 Prozent der Studiengänge bereits auf Bachelor und Master umgestellt. Schlusslicht sind Bayern, das Saarland und Mecklenburg-Vorpommern mit Anteilen von unter 60 Prozent.
Sonderfall Staatsexamina
Der Blick auf die Fächergruppen zeigt, dass es derzeit die meisten Bachelor- und Masterstudierenden in den Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften gibt, gefolgt von Mathematik, Natur- und Ingenieurwissenschaften. Ein Sonderfall sind die Staatsexamensstudiengänge, die den größten Teil des noch nicht umgestellten Studienangebots ausmachen. „Hier besteht großer Handlungsbedarf", meint Bologna-Experte Zervakis. In den juristischen und medizinischen Studienfächern gilt bislang weiterhin: Wer eine Laufbahn als Arzt, Anwalt, Notar oder Richter einschlagen möchte, muss das Staatsexamen in der Tasche haben. „In Sachen Lehramt sind wir weiter, da gibt es bereits verschiedene Modelle, allerdings fehlt es an länderübergreifender Koordination und Kompatibilität." Deutliche Unterstützung kommt vom Bildungsministerium, das in der Umstellung auf Bachelor und Master viele Vorteile für die Studierenden sieht: „Sie haben bereits nach drei bis vier Jahren einen Abschluss in der Hand, mit dem sie eine Arbeit aufnehmen oder weiter studieren können. Auch der Einstieg in die Arbeitswelt und eine spätere Weiterqualifizierung im Masterstudium ist jetzt möglich", erläutert Bundesbildungsministerin Annette Schavan.
Umdenken bei den Unternehmen
Noch allerdings sind die Bachelors auf dem Arbeitsmarkt eher in der Minderheit. Nach Einschätzung von Kolja Briedis, Projektleiter im Arbeitsbereich Absolventenstudien beim Hochschul-Informations-System (HIS), werden erst im Jahr 2012 die Bewerber mit den neuen Abschlüssen die Oberhand gewinnen - und bis dahin vermutlich auch das Vertrauen der Unternehmen. International tätige Konzerne kannten die Bachelor- und Mastertitel bereits aus anderen Ländern. „Die kleinen und mittelständischen Unternehmen tun sich hingegen häufig noch immer schwer damit, die Qualifikationen der ‚neuen' Absolventen einzuschätzen", so die Erfahrung von Kolja Briedis.
Wer aber trotz anfänglicher Skepsis Bachelorabsolventen einstellt, ist mit ihnen häufig sehr zufrieden: Eine Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) ergab 2008, dass die IHK-Mitgliedsunternehmen mittlerweile positiv auf die neuen Studienabschlüsse reagieren. „Die Absolventen haben die Erwartungen der Unternehmen in der Regel gut erfüllt", berichtet Kevin Heidenreich, Leiter des Referats „Bildungspolitik, Hochschule" beim DIHK. Die Befragten lobten vor allem, dass die Berufseinsteiger gut auf die Praxis vorbereitet seien. „Als Vorteil wird auch gesehen, dass die Absolventen früher Berufserfahrung sammeln können als bisher", so Kevin Heidenreich.
Internationale Vergleichbarkeit
Ein weiterer Vorteil der neuen Studienstruktur ist ihre internationale Vergleichbarkeit: Mithilfe des European Credit Transfer Systems (ECTS) lässt sich der Arbeitsaufwand für Seminare und Kurse europaweit anhand sogenannter Credit Points darstellen, was die Übertragung und Anerkennung der Studienleistungen stark erleichtert. Geplant ist auch ein einheitliches Benotungssystem (ECTS-Grades) sowie die Einführung allgemeiner Qualitätsstandards für Studium und Lehre, die ein hohes akademisches Niveau des europäischen Hochschulraums garantieren sollen. Bei diesem Thema hat Deutschland die Vorreiterrolle unter den Bologna-Staaten übernommen und beispielsweise einen Akkreditierungsrat eingerichtet, der mithilfe unterschiedlicher Agenturen die Qualität der neuen Bachelor- und Masterstudiengänge überprüft und qualifiziert.




