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Arbeitsmarktprognosen

Gute Chancen für Akademiker

Die Wirtschaftskrise ist zwar noch nicht ganz ausgestanden, aber die Zeichen stehen auf Erholung. Und das Gute ist: Die vor der Krise von Arbeitsmarktexperten von BA und IAB getroffenen Prognosen haben auch weiterhin Bestand.

Auf dem Foto ist ein Mann und eine Frau zu sehen, die sich über einen Hefter beugen, der auf einem Besprechungstisch liegt.

Ein akademischer Abschluss öffnet Türen.

Foto: WillmyCC

Natürlich, so Ralf Beckmann vom Team der Arbeitsmarktberichterstattung der Bundesagentur für Arbeit (BA), habe die Krise auch negative Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt gehabt. Dennoch ist für den Arbeitsmarktexperten klar: „Der Bedarf ist da.“ Die sogenannten Trendaussagen der Bundesagentur für Arbeit, dass Absolventen in den Schlüsselbranchen wie etwa Maschinenbau, Elektrotechnik und Informatik künftig gute Aussichten auf dem Arbeitsmarkt haben, bleiben bestehen.

Die Anzeichen dafür sind bereits erkennbar: Im März 2010 erwarteten die Finanzexperten des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung GmbH eine langsame Erholung der deutschen Konjunktur in den kommenden sechs Monaten. Der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau vermeldete zur gleichen Zeit ein Auftragsplus von 26 Prozent verglichen mit dem Vorjahr. Auch der Verband der Automobilindustrie verzeichnete Anfang 2010 einen Zuwachs der Aufträge. Das alles wohlgemerkt nach massiven Umsatzeinbrüchen und Schlagzeilen über Kurzarbeit.

Gefragte Natur- und Geisteswissenschaftler

Ein weiteres Indiz für den Fortbestand der Prognosen sind die Beschäftigtenzahlen: Laut Bundesagentur für Arbeit ist die Zahl der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Naturwissenschaftler zwischen 2008 und 2009 um 8,5 Prozent gestiegen. Aber auch Geisteswissenschaftler konnten einen Beschäftigungszuwachs von 9,7 Prozent verzeichnen und die Gruppe der Ingenieure immerhin noch von 1,2 Prozent. Allerdings ist die Zahl der beschäftigten Elektroingenieure im gleichen Zeitraum um drei Prozent gefallen. Der längerfristige Vergleich der Beschäftigten von 2000 bis 2009 zeigt einen deutlichen Zuwachs von 21 Prozent bei den Akademikern, während die Zahl der Beschäftigten insgesamt im gleichen Zeitraum um zwei Prozent zurückgegangen ist.

Ein Studium lohnt sich also. Denn auch laut aktueller Arbeitsmarktprojektion 1995 bis 2025 des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) haben vor allem Akademiker künftig gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Das Arbeitskräfteangebot (Erwerbspersonenpotential) wird demografiebedingt stark sinken, während die Zahl der Erwerbstätigen nur gering zurückgehen dürfte. Das passiert allerdings nur, wenn sich die Personen weiterbilden und der künftige Bedarf an Arbeitskräften somit nicht nur quantitativ, sondern auch in qualifikatorischer Hinsicht gedeckt werden kann.

 

„Natürlich ist ein Studium kein Jobgarant, aber Akademiker haben im Vergleich mit Abstand die niedrigsten Arbeitslosenquoten“, weiß Markus Hummel, Mitarbeiter des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in der Qualifikationsforschung. Im Jahr 2005, als zuletzt differenzierte Daten nach Qualifikationsniveau erhoben wurden, lag die Quote laut IAB bei 4,1 Prozent. „An diesen Zahlen wird sich auch grundlegend nichts ändern“, sagt der IAB-Mitarbeiter.

Strukturwandel

Dafür, dass diese Aussage auch in Zukunft noch gelten wird, sorgt etwa der Strukturwandel hin zu einer Dienstleistungs-, Wissens- und Informationsgesellschaft. Wie die aktuelle Arbeitsmarktprojektion des Nürnberger IAB zeigt, werden immer mehr anspruchsvolle und unternehmensbezogene Dienstleistungen benötigt. Vor allem Softwarehäuser, Hardwareberatung, Forschung und Entwicklung, Rechts-, Steuer- und Unternehmensberatung, Markt- und Meinungsforschung, Ingenieurbüros und Werbeagenturen brauchen demnach zukünftig qualifiziertes Personal. Zu den Verlierern wird vor allem das Verarbeitende Gewerbe zählen, das sich zwar von der aktuellen Wirtschaftskrise erholen, langfristig aber dennoch Beschäftigung abbauen wird.

Trotz der negativen Entwicklung im Verarbeitenden Gewerbe zeigen die Ergebnisse einer Qualifikations- und Berufsfeldprojektion, die Mitarbeiter des IAB in Kooperation mit dem Bonner Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) zurzeit erarbeiten und die Mitte des Jahres veröffentlicht wird, eine positive Entwicklung für MINT – also Berufe im Bereich Mathe, Informatik, Naturwissenschaft und Technik – auf. Das Besondere: In dieser Projektion werden die allgemeinen Arbeitsmarktentwicklungen mit Aussagen über Berufsgruppen sowie das Ausbildungsniveau der Beschäftigten verbunden. Der IAB-Mitarbeiter Gerd Zika hat abi>> vorab einige Ergebnisse verraten. „Betrachtet man Berufsfelder, die für Akademiker interessant sind, haben die Forscher einen positiven Trend vor allem für die Technischen und naturwissenschaftliche Berufe sowie die Rechts-, Management- und wirtschaftswissenschaftlichen Berufe ausgemacht.“ Erfasst sind hier etwa Ingenieure, Naturwissenschaftler, verschiedene IT-Berufe, BWLer und Juristen.

Interessen vor Arbeitsmarktaussichten

Lara Grunwald, Gymnasiastin aus Rheda-Wiedenbrück bei Bielefeld, lässt sich bei der Studienwahl nicht von den negativen Schlagzeilen der vergangenen Monate beeinflussen: „Ich habe die Nachrichten in den vergangenen Monaten schon sehr genau verfolgt“, erzählt sie. Auch in ihrem Freundeskreis sorgte die Wirtschaftskrise immer wieder für Gesprächsstoff. „Aber ich kenne keinen, der seinen Studienwunsch wegen der Krise geändert hat“, sagt die 19-Jährige. Ihrer Meinung nach sollte man sich bei der Berufswahl weder auf aktuelle Entwicklungen noch auf Prognosen verlassen. „Ich finde, dass man bei der Studien- und Berufswahl auf seine Interessen und Wünsche und nicht so sehr auf die Arbeitsmarktaussichten achten sollte“, sagt Lara Grunwald.

Eine Einstellung, die Ralf Beckmann vom Team Arbeitsmarktberichterstattung bei der Bundesagentur für Arbeit als beispielhaft herausstellt: „Es ist wichtig, dass junge Menschen ihre Interessen und Fähigkeiten bei der Berufs- und Studienwahl in den Vordergrund stellen.“ Keinesfalls sollten sie sich durch die aktuelle Lage gegen ein Studium entscheiden, das zum Beispiel in eine der sogenannten Schlüsselbranchen wie etwa den Maschinenbau oder in eine andere Branche im MINT-Bereich mündet.

Der Arbeitsmarktexperte versteht, wenn junge Menschen Prognosen kritisch gegenüberstehen. Prognosen werden unter bestimmten Annahmen getroffen und können daher nie zu 100 Prozent sicher sein. So gilt unter Fachleuten folgender Grundsatz: Die Zuverlässigkeit von Prognosen nimmt mit dem Differenzierungsgrad ab. Das heißt: Vorsicht bei Vorhersagen, die einzelne Berufe betreffen.

Schweinezyklus

Doch damit ist noch nicht jedes Problemfeld angesprochen. Prognosen können sich selbst erfüllen oder sich selbst zerstören, da überzogene Reaktionen auf eine Prognose zur Folge haben, dass sich das Prognostizierte in der Realität verändert. Herauskommen kann dabei der berüchtigte Schweinezyklus. Die Theorie vom Schweinezyklus hat ein Ökonom in den zwanziger Jahren entworfen: Der Preis für Schweinefleisch ist hoch. Die aktuell günstige Lage animiert viele Bauern, in die Schweinezucht zu investieren. Sind die Schweine schlachtreif, existiert dann aber ein Überangebot an Schweinefleisch, der Preis sinkt. Die Folge ist, dass viele Bauern wieder umstellen auf Getreideanbau oder Milchwirtschaft.

Übertragen auf die Berufswelt heißt das: Werden die Perspektiven eines Berufes als besonders positiv oder negativ gepriesen, hat das Einfluss auf die Berufswahl. Beispiel Elektro- und Maschinenbau-Ingenieure: Der real verschlechterte Arbeitsmarkt und die Rede von einer Ingenieurschwemme Anfang bis Mitte der neunziger Jahre verursachte einen massiven Rückgang an Ingenieurstudierenden, der schließlich in den vergangenen Jahren zu einem Mangel an Ingenieuren geführt hat.

Ein guter Tipp zum Umgang mit Prognosen und mit sich selbst kommt von Trendforscher Matthias Horx: „Es hat keinen Zweck, sich auf Prognosen zu verlassen, wie viele Ingenieure oder Lehrer oder Kulturwissenschaftler irgendwann in zehn Jahren gebraucht werden – und in diesem Sinn zu studieren. Wir müssen herausfinden, wer wir sind, was uns Spaß macht, wo unsere Leidenschaften liegen – und dieses Talent dann auf den Arbeitsmarkt bringen. Das ist auf Dauer viel erfolgreicher als die Prognosen-Hörigkeit.“ 

Statement

Matthias Horx, Trend und Zukunftsforscher:

„Ich denke, dass der Arbeitsmarkt, so wie er früher war, in Zukunft nicht mehr existieren wird. Die Menschen werden zukünftig sehr viel mehr Berufe im Laufe ihres Lebens haben, und sehr viel mehr Arbeitgeber. Die Planbarkeit wird dadurch immer schwieriger. Das heißt aber natürlich auch, dass die Freiheit immer größer wird. Im Grunde genommen gibt es dafür ein großes Wort: Flexibilität.

Arbeit wird in Zukunft generell in Teams und nicht mehr in klassischen Hierarchien verlaufen. Die Teams werden immer wieder neu zusammengesetzt. Man wird oft zuhause arbeiten, aber nicht immer. Die klassische Mischung könnte beispielsweise sein: zwei Tage zuhause, zwei Tage unterwegs und zwei Tage im Büro. Das macht zusammen sechs Tage, das heißt, wir werden in Zukunft auch mehr arbeiten, aber a-rhythmischer. Wir werden größere Probleme haben, Freizeit und Arbeit zu unterscheiden, und viele Menschen begrüßen das auch. Man merkt heute schon, dass wir über das Handy im Beruf auch privat erreichbar sind, und im Privatleben beruflich. Man kann sagen, Arbeit erhebt sich von den Plätzen, sie wird allgegenwärtig. Das erfordert neue Kulturtechniken der Lebensbalance.“

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