Sachverständige für gesundes Wohnen
Asbest, Schimmel, gefährliche Lösemittel — der Feind für die Gesundheit lauert manchmal in den eigenen vier Wänden. Dabei sollten sich Menschen in ihren Häusern dauerhaft wohl fühlen, findet Caren Virnich. Deshalb ist die 34-Jährige als selbstständige Baubiologin mit eigenem Büro in Mönchengladbach schädlichen Stoffen in Gebäuden auf der Spur und gibt Ratschläge, wie sie sich beseitigen lassen.
Caren Viernich (links) in Aktion: Als Baubiologin muss sie auch mal in luftige Höhen.
Foto: Privat
Wer Caren Virnich kontaktiert, hegt meistens einen Verdacht. Zum Beispiel, dass ein Raum in seinem Haus mit Schimmelpilz befallen ist. Aufgabe der Baubiologin ist es, herauszufinden, ob und in welchem Maß sich diese Vermutung bestätigt – eine Art naturwissenschaftliche Detektivarbeit. Denn manchmal klagen die Kunden der 34-Jährigen über gesundheitliche Beschwerden, ohne dass auf den ersten Blick die Ursache in den eigenen vier Wänden erkennbar ist. Kaum sichtbare lösemittelhaltige Klebstoffe oder Holzschutzmittel etwa können Symptome wie Kopfschmerzen oder Übelkeit hervorrufen und im Extremfall sogar Krebs erregen. Schimmel, oft versteckt hinter Einbauschränken, löst nicht selten Allergien und Infektionen aus.
Zum Ortstermin rückt die praktizierende Baubiologin nach telefonischer Absprache mit allerlei Messgeräten und Laborutensilien an. Damit entnimmt sie Luft-, Staub- oder Schimmelpilzproben. „Das ist eigentlich keine komplizierte Arbeit, aber man kann dennoch viel falsch machen“, erläutert Caren Virnich und betont, wie wichtig präzises Arbeiten und eine lückenlose Dokumentation der einzelnen Arbeitsschritte sind. Dabei notiert sich die 34-Jährige auch Details, die später für die Analyse entscheidend sein könnten: Liegt Laminat oder Teppich auf dem Boden? Ist der Bodenbelag verklebt? Welche Möbel stehen in den Räumen? Befinden sich Hochspannungsleitungen oder Mobilfunkmasten in der Nähe?
Etwa drei Kunden betreut die Mönchengladbacherin so pro Woche. „Eine Untersuchung vor Ort dauert mit An- und Rückfahrt in der Regel mindestens einen halben Tag“, erläutert Caren Virnich. Damit ist es jedoch nicht getan: Den Vormittag verbringt sie meist im Büro, berät Kunden am Telefon, vereinbart Termine und kümmert sich um sonstige organisatorische Arbeiten.
Hinzu kommt die Auswertung von Messergebnissen mit Hilfe spezieller Software – und das anschließende Verfassen des Abschlussberichts: „Das Gutachten kostet viel Zeit. Schließlich muss es auch juristischen Ansprüchen genügen, falls es beispielsweise zu rechtlichen Streitigkeiten zwischen Mieter und Vermieter kommt.“ Rund eineinhalb bis zweieinhalb Arbeitstage investiert die Baubiologin so insgesamt für einen Kunden und verrechnet für eine umfassende Untersuchung zwischen 800 und 1.000 Euro netto. Geld, von dem allerdings oft noch externe Labors bezahlt und die teuren Messgeräte finanziert werden müssen. „Eine goldene Nase verdient man sich als Baubiologin mit den Analysen nicht“, bilanziert die 34-Jährige. „Es gehört auch viel Idealismus dazu.“
Ihr abgeschlossenes Architekturstudium an der Fachhochschule Hannover hilft der Diplom-Ingenieurin bei ihrer Berufung. Zum Beispiel, wenn sie Schimmelpilzbefall ausfindig machen und einordnen muss. „Da spielen Bauphysik und Baukonstruktion eine Rolle, damit kenne ich mich aus“, erklärt sie. Chemisches Grundlagenwissen hat sich Caren Virnich zwar auch angeeignet, beispielsweise nach dem Studium im Rahmen des Fernlehrgangs Baubiologie beim Institut für Baubiologie und Ökologie in Neubeuern bei Rosenheim. Für die chemische Analyse der Luftproben arbeitet sie aber mit einem Fachlabor zusammen. Dort werden ihre Proben auf unterschiedliche Schadstoffe getestet. Bei der Auswertung der ermittelten Ergebnisse ist analytisches Denken gefragt: Passen die Werte mit dem zusammen, was die Baubiologin vor Ort gesehen hat? In welchen Materialien und Baustoffen könnten die gesundheitsschädlichen Stoffe stecken?
Interdisziplinäres Arbeiten und der richtige Riecher
Erfahrung und der richtige Riecher sind dabei hilfreich. Mit der Zeit könne man so etwa 80 Prozent der Fälle ohne fremde Unterstützung lösen, schätzt die Akademikerin. „Man muss aber auch wissen, wo die eigenen Grenzen sind, und in kniffligen Fällen lieber noch einen Chemiker zu Rate ziehen.“ Etwa wenn die Baubiologin gefundene Substanzen nicht eindeutig zuordnen kann. Oft ist interdisziplinäres Arbeiten schließlich der Schlüssel zum Erfolg. Und natürlich Leidenschaft für den Beruf: Schon während ihres Studiums interessierte sich Caren Virnich für ökologisches Bauen sowie die Wirkung von Gebäuden und ihren Baustoffen auf die Bewohner. Nach ihrem Diplom arbeitete sie zunächst in einem Architekturbüro und belegte später eine Fortbildung zur Messtechnikerin. Seit 2007 arbeitet sie mit ihrem Mann, ebenfalls ein Baubiologe, im gemeinsamen Büro für Baubiologie und Umweltmesstechnik in Mönchengladbach und ist seitdem im Umkreis von rund 100 Kilometern als Expertin unterwegs.
Dabei beschäftigt sich die junge Frau nicht nur mit bereits fertiggestellten Gebäuden. Auch vor einem Neubau ist die Expertise der Diplom-Ingenieurin gefragt. Sie berät etwa die „Häuslebauer“ bei der Wahl der Baustoffe und achtet darauf, dass diese unschädlich für die Gesundheit sind. Auf Wunsch erstellt Caren Virnich auch den Gebäudeentwurf unter Einbeziehung energetischer und ökologischer Überlegungen. Welche Konsequenzen die Bauherren letztendlich aus den Messwerten und Informationen der Baubiologin ziehen, liegt bei ihnen. Caren Virnich setzt sie über Bemessungsgrundlagen wie das Bundesimmissionsschutzgesetz in Kenntnis, aber auch über baubiologische Richtwerte, die über die deutschen Vorschriften hinausgehen. Sie schlägt auch Sanierungsmaßnahmen bei Schimmel und Schadstoffbelastung vor. Dazu ist eine gewisse Erfahrung nötig. „Berufseinsteiger sollten zunächst als Architekt oder Ingenieur Fuß fassen“, rät Caren Virnich, „und sich dann auf Baubiologie spezialisieren“.






