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Sprachwissenschaftlerin

Die Sprachvielfalt bewahren

Im Rahmen einer Förderinitiative zur "Dokumentation bedrohter Sprachen" (DoBeS) sind Forscher weltweit im Einsatz, um Sprachkulturen für die Nachwelt festzuhalten. Sonja Riesberg (29) aus Witten dokumentiert am Institut für Allgemeine Sprachwissenschaft der Universität Münster (IfAS) die indonesische Regionalsprache "Totoli".

Auf dem Bild sieht man eine weiße Frau und einen dunkelhäutigen Mann. Sie sitzen in einem Zimmer am Tisch und arbeiten am Laptop. Der Mann tippt gerade etwas ein.

Sonja Riesberg: "Es kann anstrengend sein, als weiße Frau ständig im Mittelpunkt zu stehen."

Foto: Privat

„Würden Sie uns ein Märchen oder eine Volksgeschichte erzählen?“ Mit dieser Bitte auf Einheimische zuzugehen, gehört zur Feldforschung, die Sonja Riesberg auf der indonesischen Insel Sulawesi betreibt. Ihr Forschungsteam beschäftigt sich seit 2006 mit der umfassenden Beschreibung einer Regionalsprache, die heute nur noch von circa zehn Prozent der 25.000 Totoli im Norden der Insel gesprochen wird. Gemeinsam mit einer deutschen Linguistin und einem indonesischen Projektmitarbeiter sucht sie Muttersprachler in Alltags- und Berufssituationen auf und befragt sie. „Ich bitte zum Beispiel einen Bootsbauer oder einen Dachdecker, mir seine Tätigkeit zu beschreiben und nehme seinen Bericht auf Tonband oder Videokamera auf“, schildert die Forscherin.

Sowohl beim Dolmetschen als auch bei der Bearbeitung der Aufnahmen ist der indonesische Kollege mit seinen Sprachkenntnissen behilflich. Am Computer transkribiert er die Aufnahmen: Das heißt, er überträgt die gesprochene in geschriebene Sprache. Die Daten werden im elektronischen Archiv für bedrohte Sprachen am Max-Planck-Institut für Psycholinguistik im niederländischen Nijmegen gespeichert und weiteren Forschungen zur Verfügung gestellt.

Mit über 700 Sprachen weist Indonesien eine besonders große Sprachvielfalt auf. Rund ein Drittel von ihnen werden jedoch nicht mehr an die Kinder weitergegeben und immer stärker durch die Nationalsprache Bahasa Indonesia verdrängt. Um die meist nur mündlich vermittelten Sprachkulturen der Nachwelt zu erhalten, fördert die Volkswagenstiftung seit 1999 weltweit DoBeS-Projekte in verschiedensten Regionen, unter anderem die umfassende Beschreibung von „Totoli“.

Auf Materialsuche

Im Frühjahr 2010 war Sonja Riesberg bereits zum vierten Mal für knapp drei Monate in Sulawesi, um so viel Sprachmaterial wie möglich aufzunehmen. „Wir zeichnen nicht nur Erzählungen unserer Gesprächspartner auf, sondern fragen auch gezielt Sätze ab, um Textbeispiele zu sammeln“, erklärt sie. Dies dient nicht nur der Projektarbeit, sondern auch ihrer Dissertation, in der sie sich mit den Besonderheiten des Aktivs und Passivs in den vier westaustronesischen Sprachen indonesisch, balinesisch, Totoli und Tagalog beschäftigt.

Die Grundlagen für die wissenschaftliche Arbeit eignete sie sich während des Linguistik- und Anglistikstudiums an der Ruhr-Universität Bochum an, das sie im Oktober 2002 begann. „Nach dem Bachelorabschluss wurde es für mich erst richtig interessant, so dass ich an der gleichen Uni noch ein Masterstudium dranhängte.“

Während dieser Zeit arbeitete sie auch als wissenschaftliche Hilfskraft im Studienbüro Linguistik und als Tutorin am Sprachwissenschaftlichen Institut. Nach dem Masterabschluss bewarb sie sich bei einem Professor, der sich ebenfalls intensiv mit Sprachdokumentationen beschäftigt, auf eine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Allgemeine Sprachwissenschaft der Uni Münster.

Dort vertieft sie sich gern in ihre Doktorarbeit, schätzt aber auch die Abwechslung durch die Feldforschung. Während der insgesamt vier Aufenthalte wohnte sie bei einer indonesischen Familie, von der sie längst als festes Mitglied gesehen wird. „Der Tod der Großmutter im Frühjahr ging mir daher sehr nahe. Eine Beerdigung in einer fremden Kultur hautnah mitzuerleben, war ein sehr intensives Erlebnis.“ Schwierigkeiten hatte sie mit der fehlenden Privatsphäre. „Es kann anstrengend sein, als weiße Frau ständig im Mittelpunkt zu stehen.“

Nach dem geplanten Abschluss der Doktorarbeit im nächsten Jahr möchte die Sprachwissenschaftlerin gerne weiterhin in einem „DoBeS“-Projekt arbeiten.

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