Die richtigen Fragen stellen
Die Kunst in ihrem Beruf besteht darin, zu beraten, aber keine Ratschläge zu geben: Silke Kienecker (49) arbeitet als Karriere-Coach in Hamburg. Zu ihr kommen in erster Linie Menschen, die beruflich in eine Sackgasse geraten sind und professionelle Hilfe benötigen.
In ihrem Job ist Lebenserfahrung gefragt: Silke Kienecker (49) arbeitet als Karriere-Coach.
Foto: Andrea von Schröder
Manche sind einfach unzufrieden im Job, andere haben Schwierigkeiten mit Kollegen und Vorgesetzten oder wollen es noch einmal wissen und etwas Neues ausprobieren. Die Gründe sind vielfältig, warum Menschen sich entschließen, einen Coach wie Silke Kienecker aufzusuchen. „Die meisten sind an einem Punkt, an dem sie alleine nicht mehr weiterkommen.“ Silke Kienecker nimmt sich dann Zeit für ein langes Gespräch, stellt entsprechende Fragen und bringt so den Kunden dazu, sich selbst und seine Situation, aber auch sein Umfeld zu reflektieren. „Es ist eine Kunst, die richtigen Fragen zu stellen, sich aber der Ratschläge zu enthalten“, erklärt die 49-jährige Ethnologin. Denn: es geht nicht darum, anderen einen „richtigen” Weg aufzuzeigen. Sondern darum, Kunden mit Hilfe von systemischen Fragen und entsprechenden Methoden zu unterstützen, ihren eigenen Weg zu finden.
Zu den Kunden, die sie in ihrem Hamburger Büro empfängt oder besucht, zählen auch Führungskräfte, die ihre Führungskompetenzen ausbauen wollen – oder Menschen, die unter hoher Arbeitsbelastung oder den Rahmenbedingungen ihres Jobs leiden. „Man muss schon eine gewisse Lebenserfahrung haben, um die unterschiedlichen Situationen, in denen sich Menschen in ihrem Berufsleben befinden, einschätzen zu können“, erklärt Silke Kienecker, die nach ihrem Studium der Ethnologie und einem Volontariat jahrelang als Redakteurin für unterschiedliche Frauenzeitschriften arbeitete. Dort schrieb sie Texte zu den Themen Beruf, Karriere und Psychologie. Immer häufiger fragten sie Freunde, ob sie mal über einen Lebenslauf oder ein Anschreiben schauen könne. So wuchs die Journalistin, die Ethnologie, Allgemeine Sprachwissenschaft, Afrikanistik und Publizistik in Münster und Hamburg studiert hatte, langsam in die Beratungstätigkeit hinein, die sie allerdings noch mit einer professionellen Ausbildung „theoretisch sauber untermauern“ wollte. Von Juli 2009 an besuchte sie über zwölf Monate berufsbegleitend die Coaching Akademie in Hamburg und lernte dort das Instrumentarium des systemischen Coachings – eine aus der Familientherapie entlehnte Richtung, in der es darum geht, nicht nur das Individuum selbst, sondern immer auch das Umfeld („System“) zu betrachten. „Wir fragen beispielsweise auch, wie der Chef oder die Kollegen wohl die Situation sehen würden“, erklärt Silke Kienecker. Solche Gespräche professionell zu führen, lernte sie an der Akademie mit „echten Kunden“ mit „echten Anliegen“. Die anderen Gruppenteilnehmer verfolgten das Gespräch und gaben anschließend Feedback. Neben viel Praxis- gab es allerdings auch Theorieeinheiten: Silke Kienecker musste Kommunikationstheorien pauken. Die Ausbildung kostete knapp 7.000 Euro. „Die Berufsbezeichnung ist nicht geschützt und es gibt die unterschiedlichsten Ausbildungsanbieter auf dem Markt“, erklärt sie. Dennoch scheint sich nach und nach eine gute Ausbildung durchzusetzen: „Vor allem Firmenkunden wollen ein Zertifikat sehen.“ Silke Kienecker sattelte im vergangenen Jahr noch eine neunmonatige Ausbildung zum systemischen Teamentwickler drauf.
Mehrere berufliche Standbeine sind die Regel
Firmenkunden, die beispielsweise ein Coaching für einen Mitarbeiter in Auftrag geben, bezahlen 160 Euro pro Stunde, Privatkunden 120 Euro. Wie lange ein Coaching dauert, ist von Fall zu Fall unterschiedlich: Zur Vorbereitung auf ein kniffliges Gespräch im Job, in dem es beispielsweise um die Gehaltsfrage geht, reichen meistens zwei Stunden. Bei Konflikten am Arbeitsplatz veranschlagt Silke Kienecker normalerweise drei bis vier Termine; für die Entwicklung neuer beruflicher Perspektiven benötigen Coach und Kunde ungefähr sieben Stunden intensive Arbeit.
Das Schreiben hat Silke Kienecker dennoch nicht aufgegeben: Als Fachautorin für Berufs- und Karrierethemen verfasst sie weiterhin Artikel für Zeitschriften. Nebenbei unterstützt sie einen Personal-Dienstleister bei der Vorbereitung und Durchführung von Assessment-Centern. Mehrere berufliche Standbeine sind häufig in der Coaching-Szene vorzufinden. Bei den meisten Coaches macht das Coaching selbst nur ein Drittel des Verdienstes aus: „Um nur vom Coaching leben zu können, muss man schon sehr lange und sehr gut vernetzt in dieser Branche sein“, erklärt sie. Obwohl sie die Sicherheit der Festanstellung als Journalistin aufgegeben hat, ist Silke Kienecker sehr zufrieden mit ihrer vielseitigen Aufgabe. „Es ist für mich sehr beglückend, so effektiv und lösungsorientiert mit Menschen zu arbeiten“, erklärt sie. Mit Coaching seien durch geringe Intervention große Erfolge möglich. „Das ist grandios.“




