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Die Welt aus einer anderen Perspektive

Frau bewegt sich mit Blindenstock auf der Straße
Der Langstock ist für blinde oder sehbinderte Menschen das wichtigste Hilfsmittel. Wie man sich damit sicher fortbewegt, vermitteln Fachkräfte für Blinden- und Sehbehindertenrehabilitation.
Foto: Martin Rehm

Blinden- und Sehbehindertenrehabilitation

Die Welt aus einer anderen Perspektive

Die Aufgabe von Annika Treptau ist es, blinden und sehbehinderten Menschen bei der Bewältigung ihres Alltags zu helfen. Die 27-Jährige hat eine Weiterbildung zur Fachkraft für Blinden- und Sehbehindertenrehabilitation abgeschlossen und arbeitet bei einer Frankfurter Stiftung.

Mit vorsichtig gesetzten Schritten tritt eine junge Frau auf den Gehsteig. Sie hält einen Blindenstock in der Hand, bewegt ihn langsam und zögerlich in einem Halbkreis vor ihren Füßen hin und her. An ihrer Seite steht Annika Treptau und erklärt, wie sie den Stock richtig halten und ihn schulterbreit im richtigen Rhythmus pendeln muss, damit er sie bestmöglich vor kommenden Hindernissen warnen kann.

Sich vor der Haustür zurechtfinden, Geldmünzen unterscheiden, das Mittagessen in mundgerechte Stücke schneiden oder kurz zum benachbarten Supermarkt gehen – was den meisten Menschen leicht fällt, ist für Menschen, die erblindet sind oder Sehbehinderungen haben, zunächst eine große Herausforderung. Annika Treptau unterstützt Menschen aller Altersgruppen, die durch Krankheiten, Unfälle oder in einem Krieg ihr Augenlicht ganz oder teilweise verloren habe. „Ich bin in zwei Bereichen tätig: In der Vermittlung von Orientierung und Mobilität sowie im Themenfeld lebenspraktische Fähigkeiten“, erklärt sie. Zum einen bringt sie demnach ihren Klienten den Umgang mit dem Langstock oder die Orientierung im Raum bei, zum anderen berät und schult sie sie in allen Fähigkeiten, die ein selbstständiges Leben ermöglichen, also kochen, einen Haushalt führen oder Unterschriften leisten.

Individuell für jeden Klienten planen

Ein Porträt-Foto von Annika Treptau

Annika Treptau (links)

Foto: Paulina Laubh

„Wenn wir den Umgang mit dem Langstock zum ersten Mal draußen üben, suche ich mir ein ruhiges Wohngebiet. Ich schaue mir die Gegebenheiten erst mal alleine an, bevor ich mit meinem Klienten dorthin gehe“, berichtet Annika Treptau. Im Bereich lebenspraktische Schulungen geht sie mit den Jahreszeiten. Im Sommer trainiert sie mit ihren Klienten beispielsweise die Zubereitung eines Obstsalates. „Ich kaufe das Obst ein und zeige dem Klienten verschiedene Schneidetechniken.“ Alle derartigen Schulungen finden in der Frankfurter Stiftung für Blinde und Sehbehinderte statt, die auch Unterricht in Blindenschrift oder EDV, Beratungen sowie kulturelle und musische Kurse anbietet.

Die sogenannte blindentechnische Grundausbildung dauert je nach Klient ein bis eineinhalb Jahre. Zu Beginn führt die 27-Jährige eine Anamnese durch, das heißt sie nimmt das Krankheitsbild auf und erstellt einen individuellen Förderplan für die Unterrichtsinhalte. „Ich arbeite unter anderem mit Geflüchteten aus Syrien, Afghanistan und Eritrea. Bei diesen Personen kommt hinzu, dass sie Deutsch lernen wollen und müssen. Das ist eine spezielle Herausforderung, die meinen Beruf besonders spannend macht“, sagt sie.

Ausbildung in Vollzeit oder berufsbegleitend

Bestens vorbereitet für ihre Aufgaben hat sie die Weiterbildung zur staatlich anerkannten Fachkraft für Blinden- und Sehbehindertenrehabilitation an der Deutschen Blindenstudienanstalt (blista) in Marburg. „Besonders wichtig und interessant war es, dass wir im ersten dreiviertel Jahr jeden Tag simuliert haben, wie blinde und sehbehinderte Menschen die Unterstützung erleben“, erinnert sich Annika Treptau. Dabei übernahm ein Schüler mit einer Augenbinde oder Simulationsbrille die Rolle des Klienten, ein anderer die Rolle des Rehalehrers. Ein dritter beobachtete die Vorgänge.

Ihr Faible für ihren heutigen Beruf entdeckte Annika Treptau bereits mit 14 Jahren bei einem Schulpraktikum. „Ich war immer fasziniert davon, die Welt aus einer anderen Perspektive zu betrachten. In der Abiturphase habe ich mich informiert und gezielt auf dieses Berufsziel hingearbeitet“, erinnert sie sich. Deshalb entschied sie sich für den Bachelorstudiengang Sonderpädagogik an der Uni Würzburg und arbeitete danach ein halbes Jahr im Bereich der Blinden- und Sehbehindertenrehabilitation. Die Weiterbildung, die sie in Vollzeit in 18 Monaten absolvierte, finanzierte sie aus eigener Tasche. Probleme, im Anschluss eine Stelle zu finden, hatte sie nicht. „Fachkräfte in diesem Bereich sind meiner Erfahrung nach sehr gesucht. Es gibt deutschlandweit nicht viele Rehalehrer für Blinde und Sehbehinderte“, sagt sie. (Siehe auch den Hintergrund „Blinden-Rehalehrer dringend gesucht“)

Ihr jetziges Arbeitsfeld erlebt sie als „unglaublich vielseitig“. „Meine Arbeit ist sinnerfüllend. Ich arbeite sehr gerne direkt mit Menschen und ich merke, dass ich sie in ihrem Leben voranbringen kann. Derzeit kann ich mir keinen besseren Job vorstellen.“

abi>> 07.06.2018