Logo Bundesagentur für Arbeit
Logo Bundesagentur für Arbeit
  • Drucken
  • Versenden
  • PDF (Öffnet sich in neuem Fenster)

Kategorien

„Einen Alltag gibt es nicht“

Messreihen von Gehirnströmen während der Betrachtung von unterschiedlichen Monitorbildern
Kognitionswissenschaftlerin Susan Wache hat mit ihrem eigenen Unternehmen ein Uni-Forschungsprojekt weiterentwickelt.
Foto: Ingo Wagner

Existenzgründung: Ausgründung Hochschule

„Einen Alltag gibt es nicht“

Zuerst war es ein Tool für ein Forschungsprojekt an der Universität Osnabrück, heute ist es ein gewieftes Produkt der feelSpace GmbH: ein Navigationsgürtel für blinde und sehbehinderte Menschen. Kognitionswissenschaftlerin Susan Wache (29) und zwei ihrer ehemaligen Forschungskolleginnen haben den Gürtel in ihrem eigenen Unternehmen zur Marktreife weiter entwickelt – auch mit Hilfe der Uni.

Hochschulausgründung nennt sich der Weg, für den sich Susan Wache und ihre zwei Wissenschaftskolleginnen Silke Kärcher und Jessika Schwandt entschieden haben. Die drei gründeten 2015 die feelSpace GmbH mit dem Ziel, ihre wissenschaftlichen Forschungsergebnisse für ein alltagstaugliches Produkt zu nutzen: ein Navigationsgürtel mit über 16 Vibrationsmotoren. Sie signalisieren dem Träger, in welche Richtung er gehen soll. „Vibriert der Motor am Bauch, geht er geradeaus. Vibriert er rechts oder links, soll die Richtung gewechselt werden“, erklärt Susan Wache. Dies funktioniert mithilfe einer App auf dem Smartphone. Per Spracheingabe wird das Ziel formuliert und die App sendet die Informationen zur Wegstrecke per Bluetooth an den Gürtel. 800 Euro kostet der Gürtel, der nicht nur den drei Gründerinnen, sondern zukünftig auch einer weiteren Mitarbeiterin ein Einkommen bescheren soll – im Idealfall natürlich mit Gewinn.

Die ursprüngliche Idee geht zurück auf den Osnabrücker Universitätsprofessor Peter König, der schon seit 2005 am Institut für Kognitionswissenschaft in der Arbeitsgruppe Neurobiopsychologie am Thema „feelSpace“ forscht. „Dabei beschäftigt man sich mit der Frage, wie menschliche Sinne funktionieren und erlernt werden. Wäre es zum Beispiel möglich, einen Sinn für die Himmelsrichtung zu lernen, wie bei Zugvögeln?“, erläutert Susan Wache, die sich 2011 dem Forscherteam anschloss. Um dieser Frage nachzugehen, entwickelte das Team rund um Peter König einen Kompassgürtel, der seinem Träger mittels Vibrationssignalen anzeigt, wo sich der Norden befindet.

Von der Sinnesforschung zur Idee

Susan Wache

Foto: privat

In Langzeituntersuchungen mit einer Dauer von jeweils sieben Wochen wurde der Gürtel an verschiedenen Testpersonen ausprobiert. „Wir erhielten sehr positives Feedback“, sagt die junge Wissenschaftlerin, die sich nach ihrem Bachelorstudium in Biologie für das Osnabrücker Masterprogramm Cognitive Science entschied und nach ihrem Abschluss als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Institut blieb. „Die Probanden berichteten, dass sich ihr Raumgefühl veränderte und die Orientierung verbesserte.“

2014 kristallisierte sich langsam der Gedanke heraus, ein Unternehmen zu gründen, um aus dem Forschungswerkzeug ein nützliches Produkt zu machen. „Ich war schon während des Forschungsprojektes total begeistert von dem Gürtel und dachte immer, dass es den eigentlich für jedermann geben müsste“, erinnert sich die Wissenschaftlerin.

Professionelle Beratung von Anfang an

Dann ging alles relativ schnell. Susan Wache und ihre zwei Partnerinnen besorgten sich zunächst alles, was es an Gründerinformationen in Osnabrück gab, und ließen sich anschließend umfassend beraten. „Das wichtigste ist, sich nicht alles selbst beibringen zu wollen. Das dauert viel zu lange. Fragen und helfen lassen, das ist mein Tipp“, betont sie.

Viel Unterstützung kam und kommt vom Gründerhaus Osnabrück und von Seiten der Uni. Peter König steht auch heute noch beratend an der Seite der Gründerinnen und ist selbst Mitgesellschafter. Das EXIST-Gründerstipendium des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi) hielt ihnen bei der Entwicklung eines Prototypen finanziell den Rücken frei (mehr über das Thema Förderung erfährst du im Interview „Ohne Businessplan kein Erfolg“). „Für uns war dies sehr wichtig, da wir dadurch über ein monatliches Gehalt und über Sachmittel verfügen konnten“, sagt die Wissenschaftlerin und ergänzt: „So konnten wir unsere Idee gezielt vorantreiben.“

Weltweite Hilfe für Blinde

Susan Wache ist für die Öffentlichkeitsarbeit bei der feelSpace GmbH verantwortlich: Sie bereitet Vorträge vor, geht auf Messen und spricht mit möglichen Vertriebspartnern. „Das spannende an der Unternehmensgründung ist, dass es keinen Alltag gibt. Wir lernen immer Neues“, sagt sie und merkt an: „Am Anfang – dadurch, dass alles neu war – haben wir viele Aufgaben gemeinsam erledigt. Heute weiß ich, dass es wichtig ist, die Aufgaben klar zu verteilen.“

Ihre Entscheidung für die Ausgründung bereut Susan Wache nicht: „Ich habe festgestellt, Unternehmerin zu sein, passt wirklich gut zu mir. Ich netzwerke gerne, aber mir ist nie in den Sinn gekommen, dass das mein Beruf werden könnte.“ Als nächster, spannender Schritt steht die serienreife Produktion des Gürtels an. Darauf freut sich die Wissenschaftlerin: „Wir möchten blinden und sehbehinderten Menschen weltweit helfen, im Alltag selbstständiger und unabhängiger zu sein. Das ist unsere Vision.“

abi>> 06.01.2017

weitere beiträge