Vom Reiz des Sinnlichen

Eine Frau massiert Hände und Arme eines Bewohners.
Dorothea Schmidt ist Ergotherapeutin und trifft auf unterschiedlichste Menschen.
Foto: Axel Jusseit

Berufe mit allen Sinnen

Vom Reiz des Sinnlichen

Unsere Sinne sind unser Tor zur Welt. Über sie nehmen wir unsere Umgebung wahr. Weil wir hören, sehen, fühlen, riechen und schmecken, können wir agieren, auf andere reagieren und miteinander kommunizieren. Kein Wunder, dass es eine Vielzahl an spannenden Berufen gibt, die mit allen Sinnen arbeiten oder helfen, sie zu schulen, wiederzuerlangen oder auszugleichen.

„Wenn ich meine Umwelt nicht richtig wahrnehmen kann, dann ist es schwierig mich angemessen zu verhalten und gezielt Handlungen auszuführen“, erklärt Dorothea Schmidt. Die 32-Jährige ist Ergotherapeutin im nordrhein-westfälischen Delbrück und arbeitet mit Menschen, die Schwierigkeiten haben, sich im Alltag zurechtzufinden.

„Über ganz unterschiedliche Sinne sammelt ein Mensch die Informationen zusammen, die er zum Beispiel benötigt, um ein Glas in die Hand zu nehmen und zum Mund zu führen. Wo genau steht das Glas? Wie stark kann oder muss ich zupacken? Ist es heiß oder kalt, schwer oder leicht?“, erläutert sie und macht damit deutlich, dass es dabei nicht „nur“ ums bewusste Sehen, Hören, Riechen, Schmecken oder Fühlen geht, sondern auch um Gleichgewichts- und Temperatursinn und das gesamte Schmerz- und Körperempfinden.

Mehr als nur fünf Sinne

Ein Poträt-Foto von Dorothea Schmidt.

Dorothea Schmidt

Foto: privat

„Überempfindliche oder unterempfindliche Menschen haben Probleme im Alltag. Zum Beispiel ein Kind, das sich immer ekelt, wenn es etwas Flauschiges anfasst, oder eines, das andere schlägt obwohl es eigentlich streicheln wollte“, erklärt Dorothea Schmidt. Aber es kann auch Erwachsene treffen, die sich beispielsweise beim Kaffeetrinken ständig verbrennen. In all diesen Fällen scheint dann in der Sinneswahrnehmung etwas nicht zu stimmen. „Wir Ergotherapeuten vermitteln dann konkrete Strategien, wie es trotzdem gelingen kann, diese alltäglichen Dinge zu meistern. Dabei geht es in der Regel weniger um die Verbesserung eines einzelnen Sinns. Uns interessiert das Zusammenspiel der Sinne, und das trainieren wir anhand ganz konkreter Handlungen, etwa ‚Ein Glas Wasser selbstständig trinken können‘.“

Reizverarbeitung als Sinneserfahrung

Bei entwicklungsverzögerten Kindern liegt oft eine Störung der sogenannten sensorischen Integration vor, das heißt sie können die unterschiedlichen Reize nicht zu einem Gesamtbild zusammensetzen. Damit haben auch Schlaganfallpatienten zu kämpfen, wenn bestimmte Regionen im Gehirn beschädigt wurden. „Der Mensch kommt in der Regel mit allen Sinnen auf die Welt. In den ersten Lebensjahren schulen wir diese Sinne, wir lernen die Reize zu verarbeiten. Mit Übungen oder einer Sensibilitätsschulung können wir dieses Lernen aktiv fördern“, erklärt die Ergotherapeutin, die ihren Beruf vor zehn Jahren im Rahmen einer schulischen Ausbildung erlernt hat.

„Ergotherapeuten müssen dabei selbst geschulte Sinne haben. Wir ertasten zum Beispiel, ob sich ein Muskel zu sehr anspannt. Wir spüren nach, wo die Bewegung noch Unterstützung braucht. Wir beobachten aufmerksam, etwa bei der Stimulation eines Wachkomapatienten: Wie reagiert er auf Berührungen, auf Gerüche, auf eine Lageänderung? Was tut ihm gut?“, schildert sie ihren Berufsalltag.

Kompensation von Defiziten

Ob Unfall, Krankheit, angeborene Beeinträchtigung oder Alter – bevor Ergotherapeuten wie Dorothea Schmidt oder Physiotherapeuten und Logopäden aktiv werden, diagnostizieren Fachärzte wie Kinderärzte, Neurologen, HNO- oder Augenärzte, ob eine Störung der Sinneswahrnehmung vorliegt. Daraufhin entscheiden sie über die entsprechende Therapie oder die benötigten technischen Hilfsmittel zur Korrektur.

„Neben den therapeutischen Berufen gibt es auch die Berufe im technisch-handwerklichen Bereich, die das Ziel haben, einen beeinträchtigten Sinn, nämlich das Hören oder Sehen, zu korrigieren“, erklärt Jörg Bauer, Berufs- und Studienberater der Agentur für Arbeit Würzburg. „Ingenieure für Hörtechnik und Audiologie entwickeln Hörgeräte, Hörakustiker passen diese individuell an, genauso wie Augenoptiker die Brillen oder Kontaktlinsen anpassen. Weniger bekannt ist der Beruf des Orthoptisten, eine Fachkraft in der Augenheilkunde, die bei der Prävention, Untersuchung und Behandlung von Sehstörungen mitwirkt.“ (siehe die Berufsreportage über einen Augenoptiker „Sehen und gesehen werden“).

Guter Arbeitsmarkt für medizinisch-therapeutische Berufe

Unterstützung im alltäglichen Leben geben auch Gebärdensprachdolmetscher oder Heil- und Sonderpädagogen (siehe die Berufsreportage über eine Gebärdensprachedolmetscherin „Mit Haut und Haaren ausgeliefert“). „Berufe, die sich mit dem Kompensieren oder Beheben von Sinnesstörungen befassen, sind auf dem Arbeitsmarkt sehr gefragt. Darauf deuten sowohl die Zunahme der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung in Berufen wie zum Beispiel dem Hörgeräteakustiker oder dem Augenarzt hin, als auch die Entwicklung der angebotenen Stellen. Nur wenige Arbeitslose mit entsprechenden Qualifikationen stehen dem Arbeitsmarkt zur Verfügung“, erläutert Claudia Suttner, Arbeitsmarktexpertin bei der Bundesagentur für Arbeit.

Auch brächten der medizinische Fortschritt und die zunehmende Zahl älterer Menschen häufigere und aufwändigere Behandlungen mit sich. Damit steige der Bedarf an Hilfsmitteln wie beispielsweise Brillen oder Hörgeräten. „Obwohl die Zahl der Ärzte und der Fachkräfte in diesem Bereich ständig zunimmt, ist hier zumindest in ländlichen Regionen ein erhöhter Bedarf an Fachkräften deutlich zu spüren“, weiß Claudia Suttner.

Produktentwicklung ganz nach Geschmack

Es gibt aber auch die Berufe, die sich nicht um die Kompensation von Defiziten kümmern, sondern darauf abzielen, ganz bestimmte Sinne anzusprechen. „Produkt-, Sound-, Medien- und Grafikdesigner sowie Lebensmitteltechnologen, aber auch Köche, Konditoren, Bäcker und andere entwickeln Produkte, die den Geschmack der jeweiligen Kunden treffen sollen“, nennt Jörg Bauer eine ganze Reihe an Beispielen. In diesen Berufen müsse man dann die entsprechenden Sinneskompetenzen mitbringen und laufend trainieren (siehe die Berufsreportage über eine Lebensmitteltechnologin „Expertin mit Geschmack“).

Wie die Sinne funktionieren, untersuchen andererseits Neurowissenschaftler, Biologen, Mediziner und Psychologen. Ingenieure für Automatisierungssysteme, Robotik oder Medizintechnik arbeiten wiederum daran, die Sinneswahrnehmung technisch nachzubilden. „Die Liste kann schier unendlich fortgesetzt werden“, sagt Jörg Bauer, auch mit Blick auf alle künstlerischen Berufe, in denen die Sinne ebenfalls eine große Rolle spielen.

Unterschiedliche Zugangswege

Neben den klassischen Studienberufen – darunter gibt es mittlerweile auch Angebote in fast allen medizinisch-therapeutischen Berufe – und den technisch-handwerklichen Ausbildungsberufen gibt es auch spannende Tätigkeiten, für die es in Deutschland aktuell keine einheitlichen Zugangswege gibt: „Dazu gehören zum Beispiel Sensoriker, Parfümeure, Sommeliers oder Affineure, also Menschen, die sich um die Veredelung von Käsen kümmern. Das sind Berufe, in denen Produkte verfeinert oder sinnlich bewertet werden“, erklärt der Berufsberater.

Jedem, der sich für so einen Beruf interessiert, empfiehlt er, dranzubleiben und sich von Zukunftsängsten nicht abschrecken zu lassen. „Wer ein sehr großes, leidenschaftliches Interesse an einem Thema hat, der wird seinen Weg gehen“, ist er sich sicher. Mit allen Sinnen zu arbeiten, sei in jedem Fall aufregend.

Info

BERUFENET

Das Netzwerk für Berufe der Bundesagentur für Arbeit mit über 3.000 aktuellen Berufsbeschreibungen in Text und Bild (Suchwort zum Beispiel: Ingenieur/in – Lebensmitteltechnologie, Ergotherapeut/in, Augenoptiker/in, Gebärdensprachdolmetscher/in)

www.berufenet.arbeitsagentur.de

KURSNET

Datenbank für Aus- und Weiterbildung der Bundesagentur für Arbeit.

kursnet-finden.arbeitsagentur.de

 studienwahl.de

Infoportal der Bundesländer in Kooperation mit der Bundesagentur für Arbeit. Hier kannst du im finder nach Studiengängen in ganz Deutschland suchen.www.studienwahl.de

Hochschulkompass

Informationen über deutsche Hochschulen, deren Studienangebote, Ansprechpartner und internationale Kooperationen.
www.hochschulkompass.de

Bundesverband für Ergotherapeuten in Deutschland

www.bed-ev.de

Deutscher Verband der Ergotherapeuten

www.dve.info

Akademie der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG)

Die Akademie bietet Weiterbildungen zum Thema Sensorik in der Lebensmittelherstellung an.

www.dlg-akademie.de

Lehrstuhl für Zellphysiologie an der Uni Bochum

Hier gibt es viel Interessantes rund um den menschlichen Geruchssinn.
www.cphys.ruhr-uni-bochum.de

Zentralverband der Augenoptiker und Optometristen

www.zva.de

Bundesverband der GebärdensprachdolmetscherInnen Deutschlands (BGSD)

www.bgsd.de

 

Augenoptiker

Sehen und gesehen werden

Bei der Wahl seines Berufs legte Frederik Presch aus Karlsruhe Wert darauf, handwerkliche, technische, kaufmännische, modische und beratende Aspekte zu vereinen. Eine Ausbildung zum Augenoptiker versprach genau diese Kombination. Seit Kurzem hat der 28-Jährige den Meisterbrief in der Tasche und darf nun selbst ausbilden.

Ursprünglich wollte Frederik Presch Wirtschaftsingenieurwesen studieren, doch bald war klar, dass ihm hier etwas Entscheidendes fehlen würde. „Mathe, Physik, Wirtschaft – all das hat mich schon sehr interessiert. Aber ich bin doch eher der Praktiker und der kommunikative Aspekt kam mir zu kurz. Deshalb habe ich mich nach Alternativen umgeschaut“, erinnert er sich heute.

Ein Porträt-Foto von Frederik Presch.

Frederik Presch

Foto: privat

Zu dieser Zeit bekommt der heute 28-Jährige gerade eine Brille. Das machte ihn aufmerksam auf den Beruf des Augenoptikers. Wie funktioniert das mit der Optik? Wie korrigiert eine Brille meine Kurzsichtigkeit? Was bedeutet mir meine Sehkraft im Alltag? Und wie verändert sich meine Umgebung, wenn ich meine Brille aufsetze? „Mit all dem hatte ich mich gerade persönlich beschäftigt und gemerkt, das Thema interessiert mich. Also habe ich mir den Beruf des Augenoptikers näher angeschaut und festgestellt: Da geht’s um Technik, Handwerk, Wirtschaft, Beratung, Verkauf – da ist von allem etwas dabei. Genau diese Mischung fand ich reizvoll“, schildert er begeistert.

Drei Jahre duale Ausbildung

Frederik Presch schreibt ein paar wenige Bewerbungen, schnuppert während eines Praktikums in den Arbeitsalltag hinein und bekommt gleich mehrere Zusagen. „Man kann Augenoptik und Optometrie auch studieren. Das wäre mir aber wieder zu theoretisch gewesen“, erklärt er. Nach drei Jahren dualer Ausbildung ist er staatlich anerkannter Augenoptiker. Er hat gelernt, wie man eine Fehlsichtigkeit feststellt, analysiert und mithilfe von Brillengläsern korrigiert, wie man Rohgläser einschleift, in die Fassung einsetzt und schließlich ganz individuell anpasst. „Es ist ein Handwerk. Man macht in der Ausbildung wirklich immer noch sehr viel mit den Händen und braucht viel Geduld und Fingerspitzengefühl, auch wenn heutzutage die meisten mit Schleifmaschinen arbeiten.“

Auch im Kundenkontakt ist viel Feingefühl gefragt. „Einige Kunden wollen gar keine Brille tragen und sind ablehnend und skeptisch einer Brille gegenüber. Dann mache ich deutlich, dass eine Fehlsichtigkeit überhaupt nichts Schlimmes ist und eine Brille eine Persönlichkeit sogar unterstreichen kann. Für mich selbst ist die Brille zum Beispiel ein modisches Accessoire. Ich habe mehrere und schaue morgens einfach, welche am besten zu meiner Stimmung und zu meinem Outfit passt. Das macht gute Laune und diesen Spaß am Schönen möchte ich gerne weitergeben“, sagt er.

Verantwortung für volle Sehkraft

Farbe, Form, Material – die Auswahl an Herstellern und Fassungen ist groß, Frederik Presch berät aber nicht nur modisch, er behält auch immer die Passgenauigkeit im Auge. „Jemand, der Sport macht, braucht eine andere Brille, als jemand, der diese nur zum Autofahren oder Lesen benötigt. Egal ob eine Glasempfehlung vom Augenarzt vorliegt oder nicht, ich ermittele immer die beste individuelle Korrektion. Ich fühle mich verantwortlich dafür, dass mein Kunde mit der Brille gut zurechtkommt, deshalb prüfe ich alles nochmal nach.“ 80 Prozent der Umwelt nehme man über das Sehen wahr, erklärt er, und schildert seine Erfahrung mit seiner ersten Brille: „Für mich war es ein echtes Aha-Erlebnis. Alles war plötzlich viel kontrastreicher, farbenfroher, detaillierter. Das war ein echtes Plus an Lebensqualität.“

Apropos Lebensqualität: Augenoptikergeschäfte haben auch samstags geöffnet. Das bedeutet für Frederik Resch, dass er auch manchmal sechs Tage am Stück arbeiten muss. Seit Kurzem ist er selbst Ausbilder im Karlsruher Aus- und Weiterbildungszentrum der Augenoptiker-Innung und weiß, dass das nicht allen leicht fällt.

Um als Ausbilder tätig werden zu können, hat Frederik Presch eine Meisterprüfung abgelegt und nachgewiesen, dass er neben erweiterten Fachkenntnissen im Bereich Optik auch buchhalterische, betriebswirtschaftliche und pädagogische Grundlagen beherrscht. Gerade letzteres hat’s ihm angetan. „Ich arbeite wahnsinnig gerne mit jungen Leuten zusammen. Es macht total Spaß, die Azubis, die ganz unterschiedlich drauf sind, auf einen Wissenstand zu bringen und alle fit für die Prüfungen zu machen.“

Gute Aussichten

Seine Azubis werden später nicht nur in Optikergeschäften, Augenarztpraxen und Augenkliniken gebraucht, sondern auch von der Industrie gesucht, etwa von Fassungs- oder Gläserherstellern. Frederik Presch ist sich sicher, dass es seinen Beruf noch lange geben wird. Vor der Konkurrenz im Internet hat er keine Angst. „Klar, ich kann mir eine Fassung im Internet bestellen, anpassen kann sie aber nur ein Optiker vor Ort“, sagt er. Auch was den technologischen und medizinischen Fortschritt betrifft, sieht er keine Gefahr für seinen Beruf. „Augenlasern gibt es ja schon lange und trotzdem läuft das Brillengeschäft gut. Es lässt sich eben nicht jeder gerne operieren. Das wird bei neuen Methoden auch nicht anders sein“, schätzt er.

 

Gebärdensprachdolmetscherin

Mit Haut und Haaren ausgeliefert

Die Nürnbergerin Lina Bauch (35) hat in ihrem Berufsalltag mit den unterschiedlichsten Menschen zu tun. Als Gebärdensprachdolmetscherin begleitet sie Gehörlose und Hörbehinderte zum Arzt, zu Bewerbungsgesprächen, Behörden und Ämtern, um dort eine Kommunikation zu ermöglichen.

Absolute Verschwiegenheit ist in Lina Bauchs Beruf das höchste Gebot. Ihre Augen, ihre Ohren sehen und hören Dinge, die nicht für Dritte bestimmt sind. „Beim Arzt und auf den Ämtern geht es oft um Persönliches. Das sind sehr intime Situationen. Die Gehörlosen wissen, dass sie sich auf mich verlassen können. Sie kennen solche Situationen ja bereits ihr ganzes Leben lang. Für die Hörenden ist die Situation dagegen meist neu“, erklärt die studierte Gebärdensprachdolmetscherin, die als Freiberuflerin in Nürnberg arbeitet.

Ein Porträt-Foto von Lina Bauch.

Lina Bauch

Foto: Annette Link

Beide Seiten seien ihr aber mit Haut und Haaren ausgeliefert. „Das ist eine riesige Verantwortung, deshalb ist es wichtig, ganz konzentriert zu sein. Es darf mir nichts entgehen, keine Emotion, kein Subtext“, erklärt die 35-Jährige. Länger als eine Stunde am Stück könne das kaum jemand leisten, sagt sie. Bei großen Veranstaltungen arbeitet sie deshalb mit Kollegen zusammen. „Dann wechseln wir uns alle zehn Minuten ab.“

Ein kleines Flüstermännlein auf der Schulter

In einer Zweier-Konstellation positioniert sie sich am liebsten so, dass sie an der Seite des Hörenden ist und den Gehörlosen gut im Blick hat. „Den Hörenden muss ich nicht anschauen, seine Stimme und alles was dabei mitschwingt, nehme ich akustisch wahr. Den Gehörlosen muss ich aber genau sehen, genauso wie er mich“, erklärt die Gebärdensprachdolmetscherin. „Mich als Person blenden die Gesprächspartner im Idealfall aus. Ich bin nur das kleine Männlein auf der Schulter des Hörenden.“

Lina Bauch übersetzt das Gesprochene in die Deutsche Gebärdensprache (DGS) und anders herum. DGS ist seit 2002 eine anerkannte eigenständige Sprache, die sich grundlegend von der deutschen Lautsprache unterscheidet. Sie kombiniert Gebärden, Mimik, Lippenbewegungen und Körperhaltung. „Wir arbeiten auch mit Klassifikatoren. Das heißt, die Hand symbolisiert dann einen Gegenstand oder eine Person, wie in einem Puppentheaterstück. Ich definiere vorher, dass meine rechte Hand die Katze ist und die linke ein Auto. Dann zeige ich, wie die rechte auf die linke Hand hüpft. Schon habe ich den Satz ‚Die Katze springt auf das Auto‘ übersetzt.“

Physische und psychische Eignung als Voraussetzung

Sehr ausdrucksstark sei sie schon immer gewesen, erzählt Lina Bauch. „Ich hatte in einer Unizeitschrift über Gebärdensprachdolmetscher gelesen und mir überlegt, ob das auch was für mich wäre. Meine Freunde fanden das eine super Idee. Sie sagten, dass ich ja sowieso immer mit großen Gesten reden würde“, sagt sie schmunzelnd. Also bewarb sie sich für den Diplomstudiengang Gebärdensprachdolmetschen an der Westsächsischen Hochschule Zwickau.

Gebärden kannte sie zu diesem Zeitpunkt nur wenige, das war für die Eignungsprüfung aber nicht zwingend erforderlich. Getestet wurden in erster Linie ihre Sprach-, Sprech-, Seh- und Hörfähigkeiten sowie ihre psychologische Eignung. „Konzentrationsfähigkeit, Offenheit, Einfühlungsvermögen – ohne das geht’s nicht“, betont sie. Auch Fingerfertigkeit und Interesse an vielen Themen sollte man für den Beruf mitbringen, sagt die Nürnbergerin. „An einem Tag übersetze ich für einen Elektroniker, am nächsten Tag bin ich mit einer schwangeren Frau beim Arzt, dann wieder bei einem Kongress für Führungskräfte. Die jeweiligen Fachgebärden muss man dann drauf haben. Man muss sich also ständig weiterbilden.“

Die Grundlagen dafür bringt Lina Bauch aus ihrem Studium mit. Neben Gebärden setzte sie sich in den vier Jahren auch mit Psychologie und der sozialen Situation von Gehörlosen auseinander. Auf dem Stundenplan standen Berufsethik, Rhetorik und Dolmetsch-Techniken. Auch heute schließt das Studium in Zwickau mit dem Diplom ab, andere Hochschulen in Magdeburg, Hamburg, Berlin oder Landau haben auf Bachelor und Master umgestellt.

Das Recht auf einen Gebärdensprachdolmetscher

Viele Aufträge erhält die Freiberuflerin über die zentrale Vermittlungsstelle des Gehörlosenverbands. Denn jeder Gehörlose hat das Recht, in zentralen Lebensbereichen einen Gebärdensprachdolmetscher hinzuzuziehen. Staatliche Stellen übernehmen dann die Kosten. Je nach Einsatzbereich rechnet Lina Bauch zum Beispiel mit der Krankenkasse, der Arbeitsagentur oder der Rentenversicherungen direkt ab. „Die gesetzlich geregelten Stundensätze sind in Ordnung. Ich kann gut davon leben. Allerdings ist die Kostenaufschlüsselung auf verschiedene Träger manchmal ganz schön komplex“, merkt sie an.

Lina Bauch war immer klar, dass sie später freiberuflich arbeiten würde. Festangestellte Kollegen kennt sie so gut wie keine. Und auch wenn Finanzen und Selbstorganisation manchmal schwierig seien – das satte Leben, das sie täglich in ihrer Arbeit erleben dürfe, wögen alle Widrigkeiten wieder auf.

 

Lebensmitteltechnologin

Expertin mit Geschmack

„Ausgewogen süß, aber etwas weniger Vanille und bitte blumiger!“ Solche Bewertungen lässt sich Alexa Nikolai (36) im wahrsten Sinne des Wortes auf der Zunge zergehen. Die Ingenieurin für Lebensmitteltechnologie arbeitet in der Produktentwicklung eines internationalen Nahrungsergänzungsmittelherstellers und verkostet dabei auch neue Rezepturen.

„Eine Erdbeere schmeckt unter anderem süß, grün und blumig“, sagt Alexa Nikolai und schmunzelt. Den Geschmack so zu beschreiben, hat die studierte Lebensmitteltechnologin an der privaten Akademie der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft (DLG) gelernt. Heute wendet die Mittdreißigerin dieses Wissen in ihrem Berufsalltag an, wenn es darum geht, Rezepturen von Nahrungsmitteln zu verbessern. Das Entwicklerteam hat sich soeben zu einer Verkostung von Wellnessdrinks zusammengefunden. Mehrere Becher stehen auf dem Tisch. „Wir arbeiten oft mit Blindproben, bei denen nicht klar ist, welche die alte Rezeptur ist und welche die neue“, sagt sie und führt den Becher zum Mund. „Ich zum Beispiel bin sehr sensibel für den bitteren Geschmack – andere im Team wiederum fürs Süße. Da ergänzen wir uns sehr gut.“

Essen als ganzheitliches Erlebnis

Ein Porträt-Foto von Alexa Nicolai.

Alexa Nikolai

Foto: privat

Das Team bewertet die Rezepturen aber nicht nur nach dem Geschmack, sondern auch nach dem Geruch, dem Aussehen und der Konsistenz. „Wenn es um Nahrungsmittel geht, werden ja immer alle Sinne angesprochen. Ein knuspriges Baguette, das verführerisch in der Auslage liegt und wunderbar riecht, lässt uns ja schon das Wasser im Mund zusammenlaufen. Fassen wir es an und beißen rein, merken wir, wie frisch und kross es ist, und dann, dann kommt das herrliche Geschmackserlebnis“, schwärmt die Ingenieurin, die ihrer Leidenschaft fürs Leckere schon seit Langem frönt. „Backen, kochen, Essen schön anrichten, das habe ich schon während meiner Schulzeit auf dem Gymnasium total gerne gemacht“, erinnert sie sich.

Nach dem Abi entschied sich die Saarländerin deshalb zunächst für eine Ausbildung zur Konditorin. „Das war genau das Richtige, eine sehr gute Grundlage für das, was ich heute mache. Eine Torte muss gut aussehen und gut schmecken. Ein Gefühl dafür zu entwickeln, was ästhetisch ist, was gut schmeckt und warum, hat in meiner Ausbildung einen höheren Stellenwert gehabt als in meinem Studium“, merkt sie an.

Dass die Bewertung von Eigenschaften mit den Sinnesorganen im Fachjargon Sensorik heißt, erfährt sie allerdings erst in ihrem Lebensmitteltechnologie-Studium in Trier. Mit dem Diplom in der Tasche (heute ist der Studiengang auf das Bachelor-/Master-System umgestellt) beschließt sie, sich in dieser Richtung zu spezialisieren und fängt nach einigen Jahren in einem anderen Unternehmen an, bei ihrem heutigen Arbeitgeber.

Gezielte Schulung aller Sinne

„Der Beruf des Sensorikers ist in Deutschland noch weitgehend unbekannt. Das sieht in Frankreich ganz anders aus. Dort gibt es sogar eine formale Ausbildung an einer Schule“, sagt sie und ergänzt: „Das liegt sicherlich daran, dass das Essen, der Genuss, dort traditionell einen sehr hohen Stellenwert hat.“ In Deutschland wage man sich erst peu à peu an das Thema heran.

Sie selbst belegt unter anderem eine Aromaschulung und ist begeistert. „Ganz praktisch lernt man dabei, einen Geschmack systematisch zu beschreiben, zu analysieren und zu identifizieren. Je öfter man das macht, umso besser wird man“, erklärt sie. Sei man geschult, gelänge es, aus einem rein subjektiven Geschmackserlebnis eine objektive Qualitätsbewertung zu machen und die richtigen Schlüsse für die Verbesserung einer Rezeptur zu ziehen. Derzeit absolviert Alexa Nikolai deshalb zusätzlich eine berufsbegleitende Weiterbildung zur Sensorikmanagerin. Dabei lernt die Lebensmitteltechnologin noch mehr über Sinnespyhsiologie und Testmethoden. Zudem erfährt sie, wie man Verkostungen ganz systematisch aufsetzt und organisiert.

Die heutige Verkostung ist vorbei. Das Team entscheidet, dass die neue Rezeptur etwas mehr Aroma vertragen könnte. Mit diesem Ergebnis geht es zurück ins Labor, wo ein neues Muster angesetzt wird. Alexa Nikolai arbeitet dabei vor allem mit hochwertigen, speziell ausgesuchten Aromastoffen. Sie sind sehr wichtig für den Gesamteindruck. „Das ist ja eigentlich nichts anders als das Würzen beim Kochen. Man gibt beispielsweise ein bisschen Schärfe dazu und das Gericht ist perfekt.“

 

Berufe mit allen Sinnen - Interview

Ein Plädoyer fürs Riechen

Die deutsche Sprache wusste es schon immer: Wir beschnuppern uns, wenn wir uns kennenlernen, können uns dann gut oder gar nicht riechen und wenn es uns dann doch irgendwann gewaltig stinkt, dann verduften wir lieber, bevor Böses in der Luft liegt. Dennoch: Der Geruchssinn scheint in unserem modernen Alltag kaum eine Rolle zu spielen – oder doch? abi» hat beim Geruchsforscher Professor Hanns Hatt der Ruhr-Universität Bochum nachgefragt.

abi>>Für jemanden, der schlecht hören oder sehen kann, gibt es technische Hilfsmittel, die dies kompensieren. Warum gibt es so etwas nicht für jemanden, der schlecht riechen kann? Ist der Geruchssinn so viel weniger wichtig?

Hanns Hatt: Im Gegenteil: Der Geruchssinn ist immens wichtig. Allerdings ist der Geruchsinn der komplexeste von allen Sinnen. Deshalb hat es in der Wissenschaft auch so lange gedauert, ihn zu entschlüsseln. Wir können abertausende von verschiedenen Düften wahrnehmen mit 350 unterschiedlichen Rezeptoren und 30 Millionen Riechzellen. Man müsste jeden einzelnen dieser Rezeptoren künstlich herstellen und in die Nase einbauen. So etwas ist viel zu aufwendig. Zum Vergleich: Wir haben gerade mal vier Rezeptoren, um das gesamte Sehspektrum abzudecken. Für das Hören ist das ähnlich.

abi>> Haben Sie ein Beispiel dafür, wie und in welchen Situationen uns Düfte beeinflussen?

Ein Porträt-Foto von Hanns Hatt.

Hanns Hatt

Foto: Marquard

Hanns Hatt: Immer und überall. In jeder Situation. Das Riechen ist der direkte Draht in die Zentren für Erinnerung und Emotionen. Hunger, Partnerwahl, Trieb, jegliche soziale Interaktion, jede Entscheidung wird über den Geruchssinn beeinflusst. Wenn ich einen Raum betrete, dann nehme ich sofort einen Duft wahr. Kenne ich den Duft, werden die im Gehirn abgespeicherten Informationen dazu abgerufen und meine Stimmung verändert sich. Ich fühle mich wohl oder ich werde nervös. Dadurch verändert sich auch mein Verhalten. Diese chemische Maschinerie, diesen Prozess können wir nicht abstellen, denn solange wir atmen, riechen wir. 24 Stunden, Tag und Nacht. Mit jedem einzelnen Atemzug werden die Duftmoleküle ans Gehirn gesendet und dort interpretiert.

abi>> Warum ist das so? Warum haben wir diese Fähigkeit entwickelt?

Hanns Hatt: Das Riechen ist unser ältester Sinn. In der Dunkelheit des Urmeers haben die Lebewesen sich allein darüber zurechtgefunden und nicht nur Feinde und Nahrung aufgespürt, sondern sich auch ausgetauscht. Es war, wenn man so will, die erste Form der Kommunikation. Diese wiederum hat die Gehirnstrukturen im Laufe der Evolution verändert und zu einem hochkomplexen Netzwerk werden lassen. All das und die Bedeutung des Riechens haben wir uns lange Zeit nicht bewusst gemacht. Nun, mittlerweile ist das anders.

abi>> Inwiefern?

Hanns Hatt: Adidas beduftet seine Produkte, diverse Automarken tun das und wir Menschen machen es auch! Es ist ein Versuch, Entscheidungen zu beeinflussen. So einfach ist das aber nicht. Denn jeder Duft ist in seiner Bewertung einmalig. Jeder einzelne verbindet etwas anderes mit einem bestimmten Geruch. Kulturell bedingt gibt es aber schon bevorzugte Muster. Denken Sie an Deos, Shampoos, Parfüms. Wir vermarkten uns also selber mit Düften. Im vorletzten Jahrhundert haben sich reiche Leute mit Parfüms eingenebelt, um sich im wahnsinnigen Gestank des Alltags hervorzutun. Es gab ja noch kein fließend Wasser, keine Duschen. Es war also ein Zeichen von Wohlstand, wenn man seinen natürlichen Körpergeruch überdeckt hat. Gut zu riechen, gilt immer noch als attraktiv.

abi>> Ein guter Geruch ist also ein wertvolles Produkt, jemand mit einem guten Geruchsinn in bestimmten Branchen also besonders gefragt?

Hanns Hatt: Über das Duftmarketing haben wir ja gerade schon gesprochen. Auch in allen Branchen, die etwas mit Essen und Trinken zu tun haben, ist der Geruchsinn entscheidend. Das betrifft beispielsweise Köche, Parfümeure und Sommeliers. Das Wort „Abschmecken“ ist ja eigentlich falsch. Vielmehr geht es ums „Abriechen“. Unsere Zunge kann nur wahrnehmen, ob etwas salzig, süß, sauer oder bitter ist. Fertig. Über die Nase können wir aber viele tausende unterschiedliche Düfte wahrnehmen. Das Gehirn setzt diese Informationen dann zu einem Aroma zusammen. Ein guter Koch, ein Sommelier hat also seinen Riechsinn trainiert, nicht seine Zunge.

abi>> Heißt das, jeder kann theoretisch Sommelier werden, jeder kann seinen Geruchsinn trainieren?

Hanns Hatt: Genau. Wir alle sollten wieder lernen, bewusst zu riechen. Je mehr ich mich damit beschäftige, je mehr ich meine Aufmerksamkeit auf die Düfte lenke, umso einfacher fällt es mir, Duftmuster voneinander zu unterscheiden. Das ist ein Lernprozess. Je häufiger ich das mache, umso einfacher ist es, kleine Unterschiede wahrzunehmen. Allerdings: Es gibt auch Menschen, die sozusagen ein besonderes Talent haben, wie wir es auch von Musikern oder Malern kennen. Außerdem können eine krumme Nase, Polypen, Allergien oder Erkältungen verhindern, dass der Duft die Riechzellen erreicht und somit den Geruchssinn einschränken. Die häufigste Ursache ist übrigens das Alter.

 

abi» Animation

Noch bei allen Sinnen?!

Hören, Schmecken, Sehen, Riechen, Tasten: Unsere fünf Sinne ermöglichen es uns, unsere Umwelt mit all ihren Facetten wahrzunehmen. Dabei sind unsere Sinnesorgane wahre Wunderwerke, die auch einige Überraschungen bereithalten. Beispiele gefällig? Klick dich durch die abi» Animation!

 


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Stand: 21.09.2018