Von Mullbinde bis Morgenmantel

Modische Westen hängen an einer Kleiderstange.
Darf es ein bisschen extravaganter sein? Die Mode- und Textilbranche lebt von der Vielfalt und bedient sämtliche Industriezweige.
Foto: Julien Fertl

Berufe in der Mode

Von Mullbinde bis Morgenmantel

Wer beim Stichwort „Mode“ nur an schicke Klamotten denkt, hat weit gefehlt: Es gibt in der Branche unterschiedlichste Fachgebiete – und somit zahlreiche berufliche Möglichkeiten. Neben kreativen Jobs warten auch im wirtschaftlichen Bereich reizvolle Aufgaben. Zudem können sich Interessierte mit den technischen Abläufen befassen.

Wie soll sich Hugo Boss im Einzelhandel strategisch entwickeln? Wie lässt sich die Präsentation in den Geschäften vereinheitlichen – und das in 36 verschiedenen Ländern? Fragen wie diese beschäftigen Markus Stoll (34). Als Verantwortlicher fürs Global Retail Business Development bei der Hugo Boss AG in Metzingen ist es sein Ziel, weltweit einheitliche Standards im Einzelhandel zu schaffen – von den Kassen über den Umgang mit Kunden bis hin zur Mitarbeiteruniform.

„Ich schaue mir an, was bei unseren Tochtergesellschaften im Ausland besonders gut läuft und was noch fehlt und bespreche dann Maßnahmen mit den Direktoren und dem Vorstand in der Zentrale“, sagt er. Wenn etwa in mehreren Stores Gürtel beschädigt sind, weil die Aufhängung zu scharfe Kanten hat, spricht Markus Stoll mit den Möbelbauern. Und wenn die interne Kommunikation verbessert werden soll, regt er die Entwicklung eines digitalen Kommunikationstools an.

Netzwerke aufbauen

Porträt von Markus Stoll

Markus Stoll

Foto: privat

Vorbereitet auf seinen Beruf haben ihn ein Bachelorstudium in „Textile Engineering“ und ein Masterstudium in „Textile Management“ an der Hochschule Reutlingen. Über Praktika in der Schweiz und in Italien kam er schon während des Studiums zu Hugo Boss. Auch seine Bachelorarbeit schrieb er bei dem Unternehmen. „Wer sich schon früh ein Netzwerk aufbaut, hat es später bei der Jobsuche leichter“, sagt er. Neben organisatorischen und kommunikativen Fähigkeiten sind auch betriebswirtschaftliche Kenntnisse sowie modespezifisches Fachwissen vorteilhaft. „Als es etwa um die Vereinheitlichung der Arbeitsuniformen ging, war es für mich wichtig zu wissen, welche Textilien langfristig belastbar sind.“

Schwerpunkte setzen

Markus Stolls Beispiel zeigt, dass es in der Modebranche viel zu tun gibt – auch jenseits der klassischen Tätigkeiten von Modedesigner und Model. Hinzu kommt, dass es verschiedene Bereiche gibt: Grundsätzlich unterscheidet man das Fachgebiet Bekleidung vom Fachgebiet Textilien. Bei Letzterem geht es um Heim- und Haustextilien sowie um technische Textilien, etwa um Dämmstoffe, Tapeten oder Implantate aus Fasern. „Von Mullbinden bis hin zu Raketen stellt unsere Branche eine große Produktbandbreite her“, sagt Dr. Hartmut Spiesecke, Sprecher des Gesamtverbands der deutschen Textil- und Modeindustrie.

Wer im Berufsfeld Mode arbeiten möchte, kann sich also für einen technischen, einen kreativ-gestalterischen oder einen wirtschaftlich ausgerichteten Beruf entscheiden und entweder eine Ausbildung oder ein Studium absolvieren.

Die Berufung finden

Porträt von Hartmut Spiesecke

Hartmut Spiesecke

Foto: privat

Zu den technischen Ausbildungsberufen zählt etwa der Textillaborant, der die Qualität von Materialien überprüft, oder der Maschinen- und Anlagenführer. „Oft muss man dabei mehrere Anlagen bedienen und warten“, erklärt Hartmut Spiesecke. „Das ist ein Job mit großer Verantwortung.“ Hinzu kommen zahlreiche Weiterbildungsmöglichkeiten, etwa zum Textilmeister oder zum Techniker Textilwirtschaft. Wer möchte, kann aber auch ein Studium wie das zum Ingenieur für Bekleidungstechnik ergreifen.

Zu den populärsten Berufen im Kreativbereich zählt der des Modedesigners. Interessierte sollten jedoch bedenken, dass der Besuch von Modeschulen und privaten Hochschulen meist kostspielig ist. Eine Alternative stellen Ausbildungsberufe wie Textil- und Modeschneider dar. Und auch technische Textilien wollen entworfen werden – hierzu qualifiziert ein Studiengang wie Textildesign oder die Ausbildung zum Produktgestalter Textil.

Im kaufmännischen Bereich werden Einzelhandels- und Industriekaufleute gebraucht. Hochschulen bieten Studiengänge wie Textil- und Bekleidungsmanagement an. Die Absolventen arbeiten später etwa im Ein- und Verkauf, koordinieren als Retail Manager die Einzelhandelsfilialen oder planen als Business Developer die künftige Entwicklung eines Unternehmens. Kreativität ist hier ebenfalls gefragt, aber nicht zwingend in Bezug auf künstlerische Gestaltung: „Wer Lösungen für Kunden sucht, muss auch kreativ sein.“

Weitere Informationen

BERUFENET

Das Netzwerk für Berufe der Bundesagentur für Arbeit mit über 3.000 aktuellen Berufsbeschreibungen in Text und Bild. (Suchwort: Textil)
www.berufenet.arbeitsagentur.de

KURSNET

Portal für Aus- und Weiterbildung der Bundesagentur für Arbeit. Hier kannst du insbesondere nach schulischen Berufsausbildungen suchen. (Suchwort: Textil)

kursnet-finden.arbeitsagentur.de

studienwahl.de

Infoportal der Stiftung für Hochschulzulassung in Kooperation mit der Bundesagentur für Arbeit. Hier kannst du im „Finder“ nach Studiengängen in ganz Deutschland suchen.
www.studienwahl.de

Go Textile!

Ein umfassender Überblick über die Ausbildungs- und Karrieremöglichkeiten in der Textil- und Bekleidungsindustrie des Gesamtverbandes der deutschen Textil- und Modeindustrie e.V.
www.go-textile.de

Allianz deutscher Designer (AGD) e.V.

www.agd.de

GermanFashion Modeverband Deutschland e.V.

www.germanfashion.net

Netzwerk deutscher Mode- und Textil-Designer e.V.

www.vdmd.de

 

Modedesigner/in

Von der Inspiration zur Kollektion

Schnitte verbessern, Stoffe bestellen, Pressearbeit: Als selbstständige Modedesignerin hat Sarah Effenberger (30) weitaus mehr Aufgaben zu erledigen als das Entwerfen von Kleidung. Der Weg hin zu ihrem vielseitigen Job war herausfordernd – doch die Berlinerin ist sich sicher, ihre Berufung gefunden zu haben.

„Die wirklich kreative Arbeit, das Entwickeln einer Kollektion, macht nur einen sehr kleinen Teil meines Berufs aus“, sagt Sarah Effenberger. Dafür verbringt sie viel Zeit am Schreibtisch – etwa um Größen zu berechnen oder um via E-Mail mit der Produktionsstätte zu kommunizieren. Sie lässt die Kollektionen ihres Labels „Fomme“ in Polen herstellen, enge Absprachen sind für die Zusammenarbeit unerlässlich.

„Momentan nehme ich die Bestellungen der vorigen Saison entgegen und bereite die Produktion vor“, erklärt sie. Schnitte müssen abgenommen und optimiert werden und von den Musterstücken auf verschiedene Größen übertragen werden – denn die Abnehmer im Einzelhandel kaufen natürlich mehr Größen ein als die, die das Model auf dem Laufsteg trägt.

Modedesign studieren

Porträt von Sarah Effenberger

Sarah Effenberger

Foto: privat

Mit der Gründung ihres eigenen Labels ist Sarah Effenberger etwas gelungen, wovon viele träumen. Doch die 30-Jährige betont, dass der Weg dorthin nicht einfach war. Erst im dritten Anlauf fand sie das Studium, das zu ihr passte: Sie absolvierte ein Bachelor- sowie ein Masterstudium in Modedesign an der Universität der Künste Berlin (UdK) und lernte dort viel über Modetheorie, -technologie und Designforschung. Auch bei der Konzeption von Kollektionen hat ihr das Studium geholfen.

Den Masterabschluss hat sie angehängt, weil neben der Selbstständigkeit auch die Lehre ihr Ziel war. Nun kann sie an der UdK selbst Studierende ausbilden. „Der Abschluss hat mir aber vor allem deshalb viel gebracht, weil das Thema meiner Abschlussarbeit ein sehr angewandtes war“, sagt sie: „Ich habe mich dabei intensiv mit meiner Identität als Designerin auseinandergesetzt und die Gründung meines Labels konkret geplant.“

Eigeninitiative zeigen

„Fomme“ ist ein Label für unisexorientierte Herrenmode – eine Sparte, für die sich Sarah Effenberger vieles zusätzlich beibringen musste, da die Lehre an der Universität auf Damenkonfektionen ausgerichtet war. „Ich habe an der UdK viel Unterstützung bekommen, aber ich musste es selbst in die Hand nehmen“, erklärt sie.

Die Kenntnisse in Buchhaltung, Preiskalkulation und Steuerfragen, die sie als Selbstständige mit einer Angestellten braucht, eignete sie sich ebenfalls eigenständig an. Dazu belegte sie im Anschluss an ihr Studium Seminare und Coachings. „Die Studieninhalte konzentrierten sich auf den kreativen und technischen Bereich. Wie ich mein Label führe, habe ich dort nicht gelernt.“

Eine Herausforderung stellte zudem der finanzielle Aspekt dar. Zwar fallen an staatlichen Hochschulen keine Studiengebühren an, doch Materialien und auch Nähhilfen wollen bezahlt werden. „Das können schon mal 2.000 Euro pro Semester sein“, sagt Sarah Effenberger. Für Nebenjobs lasse das Studium aber nur wenig Zeit. „So bleiben zwei Möglichkeiten: spendable Eltern – oder die Aufnahme eines Kredits“, erklärt sie nüchtern.

Lorbeeren ernten

Auch nach dem Studium ist ein starker Wille gefragt; Sarah Effenberger ist die Einzige ihres Jahrgangs, die sich selbstständig gemacht hat. „Insgesamt würde ich nur denen zu diesem Beruf raten, die hundertprozentig dahinter stehen und auch bereit sind, dafür Opfer zu bringen.“

Trotz allem ist sie überzeugt davon, ihre Berufung gefunden zu haben – vor allem, wenn es wieder an den Entwurf der neuen Kollektion geht. Dann befasst sich die Berlinerin intensiv mit Inspirationsstudien, bevor sie in ihrem Atelier mit dem Zeichnen, der Stoffauswahl und dem Nähen der Musterstücke beginnt – und bevor ihr Werk schließlich auf Schauen in Tokio oder Paris bewundert wird.

 

Berufe in der Mode: Interview

„Keine Angst vor Verantwortung“

Mit Manomama hat Sina Trinkwalder ein Unternehmen gegründet, das inzwischen 140 Alleinerziehende, Langzeitarbeitslose und Menschen mit Behinderung beschäftigt. Im Interview spricht sie über die Herausforderung der sozialen und ökologischen Kleidungsproduktion.

abi>> Frau Trinkwalder, was unterscheidet Ihr Unternehmen von anderen Modeherstellern?

Porträt von Sina Trinkwalder

Sina Trinkwalder

Foto: privat

Sina Trinkwalder: Andere lassen herstellen, wir stellen selbst her: Die gesamte Produktion – vom Garn bis zur Naht – findet in Deutschland statt. Außerdem habe ich Manomama nicht gegründet, um möglichst viel Profit einzufahren, sondern um Menschen Arbeit zu geben, die auf dem normalen Arbeitsmarkt keine Chance haben.

abi>> Zu Beginn stand also eher der soziale Aspekt im Vordergrund?

Sina Trinkwalder: Genau. Der ökologische Gedanke kam aber bald danach auf, weil ich mich gefragt habe: Wie muss ein Arbeitsplatz beschaffen sein, der Zukunft hat? So sind wir radikal ökologisch geworden.

abi>> Wie kamen Sie überhaupt dazu, ein Unternehmen zu gründen?

Sina Trinkwalder: Ich habe zunächst Politik, dann Betriebswirtschaftslehre studiert und währenddessen eine Werbeagentur gegründet. Die lief sehr schnell sehr erfolgreich, und so habe ich beide Studiengänge abgebrochen. Was ich wissen musste, habe ich mir selbst beigebracht. Irgendwann aber wollte ich ein Unternehmen gründen, das relevant für die Gesellschaft ist – eines, in dem die Arbeitsschritte so aufgeteilt werden können, dass jeder Mensch die Möglichkeit hat, dort zu arbeiten. Die Wahl fiel auf die Modebranche, weil mein Wohnort Augsburg im Mittelalter Textilhauptstadt war. Ich hatte keine Ahnung von der Branche, aber ich dachte mir: Was ich nicht weiß, kann ich lernen.

abi>> Welchen Herausforderungen mussten Sie sich stellen?

Sina Trinkwalder: Die ganzen Wertschöpfungsstufen mussten aufgebaut werden. Ich musste nicht nur Schäfer finden, die mir gute Wolle liefern, sondern auch jemanden, der sie verarbeitet. All das hat viel Kraft gekostet. Und dann ist es leider so, dass viele Konsumenten noch nicht bereit sind, den Weg mitzugehen – also mehr Geld für fair produzierte Kleidung auszugeben.

abi>>  Gibt es nicht einen Trend hin zu ökologisch und fair produzierter Mode?

Sina Trinkwalder: Die Nachfrage steigt minimal. Es wird noch ein langer Weg sein, bis die Nachhaltigkeit als Grundvoraussetzung in den Köpfen angekommen ist. Unser Unternehmen ist erfolgreich, weil wir uns dafür jeden Tag von früh bis spät abrackern. Für eine Bilanz wie unsere würden andere nicht arbeiten. Aber mir ist eben nicht der Gewinn wichtig, sondern dass Manomama 140 Menschen Arbeit gibt. Die bekommen übrigens alle 10 Euro Stundenlohn – ob das nun die Geschäftsleitung ist oder jemand, der Helfertätigkeiten ausübt. Und jeder kann sich in die Gemeinschaft einbringen und so Prämien und Boni bekommen.

abi>> Welche Anforderungen bringt Ihr Beruf als Unternehmerin mit sich?

Sina Trinkwalder: Selbstständigkeit kann man lernen. Unternehmer ist man – oder man ist es nicht. Man braucht einen gehörigen Dickschädel, großen Mut und eine robuste Natur. Und man darf keine Angst haben vor Verantwortung gegenüber den Angestellten. Man schläft jeden Abend ein mit dem Gedanken an seine Mitarbeiter, das darf man nicht unterschätzen. Wer ein Unternehmen gründen will, sollte hundertprozentig dahinter stehen.

abi>> Welche Aufgaben erfüllen Sie als Geschäftsführerin?

Sina Trinkwalder: Weil bei uns die meisten Menschen an der Nähmaschine arbeiten und nur wenige in den Büros, mache ich vieles selbst: Forschung und Entwicklung, das Design, unsere Webseite, das gesamte Marketing. Ich nähe aber auch mal mit, wenn Not am Mann ist.

abi>> Gibt es auch etwas, das Sie nicht können und andere machen lassen?

Sina Trinkwalder: Es gibt nichts, was ich nicht lernen könnte – aber es gibt durchaus Aufgaben, die ich nicht machen will. Buchhaltung zum Beispiel. Das lass‘ ich lieber Menschen machen, die dabei auch noch Spaß haben.

Über Sina Trinkwalder

Sina Trinkwalder, Jahrgang 1978, ist Gründerin des Unternehmens Manomama, das sich auf die faire und ökologische Produktion von Kleidung, Stoffen und Accessoires spezialisiert hat. Ihr Ziel ist es, Menschen Arbeit zu geben, die sonst kaum einen Job finden würden. Mit ihrer innovativen Strategie hilft sie ihnen, ihren eigenen Erwerb zu erwirtschaften und damit wieder an unserer Gesellschaft teilzuhaben.


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Stand: 21.01.2018