Vom Erbsenzählen und guten Berufsaussichten

Traktor mit  Pflanzenschutz-Spritze
Die Landwirtschaft bietet Abiturienten vielfältige Berufsmöglichkeiten.
Foto: Thorsten Mischke

Berufe in der Landwirtschaft

Vom Erbsenzählen und guten Berufsaussichten

Landwirtschaft ist mehr als Kühe melken oder Mähdrescher fahren. Der Wirtschaftsbereich bietet vielseitige und abwechslungsreiche Tätigkeiten und das nicht nur für diejenigen, die auf dem Land wohnen oder im familieneigenen Betrieb groß geworden sind. Wer sich für eine Ausbildung oder ein Studium in der „grünen Branche“ interessiert, kann mit sehr guten Berufsaussichten rechnen.

Was auf unsere Teller kommt, stammt zu einem großen Teil von den Feldern und aus den Ställen deutscher Landwirte. Im EU-weiten Vergleich sind sie Spitzenreiter bei der Produktion von Milch, Schweinefleisch, Raps und Kartoffeln sowie zweitgrößter Erzeuger von Getreide, Zuckerrüben und Rindfleisch. Mehr als eine Million Arbeitskräfte sind in der Landwirtschaft beschäftigt, und rechnet man das sogenannte Agribusiness dazu – also die gesamte Lebensmittelkette von der Urproduktion bis zum Verbraucher – dann steht sogar jeder neunte Arbeitsplatz mit der Landwirtschaft in Verbindung.

Auch der von Lars Thomsen (21), der seit einem Jahr bei der Norddeutschen Pflanzenzucht Hans-Georg Lembke KG als Agrarwirtschaftlich-technischer Assistent angestellt ist (Achtung: Die Ausbildung läuft in anderen Bundesländern auch unter dem Namen Landwirtschaftlich-technischer Assistent). Das mittelständische Unternehmen mit Sitz in Hohenlieth (Schleswig-Holstein) und Malchow (Mecklenburg-Vorpommern) züchtet unter anderem neue Ackerbohnen- und Erbsen-Sorten, die die Bauern später für die Tierernährung verwenden.

In diesen Tagen steht der 21-Jährige vor allem auf dem Feld, um verschiedene Ackerbohnenpflanzen miteinander zu kreuzen. „Nach drei Wochen haben mein Team und ich dutzende Kreuzungen durchgeführt, daraus lassen sich dann tausende neue Linien generieren. Aus dieser Unmenge an genetischem Material muss später das Beste rausgesucht werden“, erklärt er.

Auf den Prüffeldern

Ein Porträt-Foto von Lars Thomsen

Lars Thomsen

Foto: Privat

Die besten Sorten – das bedeutet, die Pflanzen sollen nicht nur krankheitsresistent, sondern auch leistungsfähig sein. „So müssen Futtererbsen zum Beispiel einen hohen Proteingehalt haben oder Ackerbohnen eine gute Standfestigkeit“, erklärt Lars Thomsen, der die meiste Zeit des Jahres auf den Prüffeldern tätig ist. Dann dokumentiert er die Entwicklung der Pflanzen anhand verschiedener Merkmale: „Dafür muss man immer den richtigen Zeitpunkt abwarten. Wann eine Pflanze zu blühen beginnt, lässt sich eben nur an wenigen Tagen im Frühjahr bestimmen, oder wie hoch sie gewachsen ist, nur kurz vor der Ernte“, erläutert er.

In seinem Job geben die Jahreszeiten den Takt vor. Geplant und vorbereitet werden die Feldversuche im Winter. Dafür muss zum Beispiel die richtige Menge Saatgut berechnet werden. „Wenn wir später 80 Erbsenpflanzen pro Quadratmeter haben wollen, sollten wir wissen, wie viele Samen tatsächlich keimen werden. Das probieren wir vorher in kleinen Keimschalen aus“, sagt er. Saatgut abwiegen, eintüten, sortieren, Drillpläne erstellen, also festlegen, wieviel Saatgut in einer Reihe ausgebracht werden soll, – bis zur Aussaat im Frühjahr hat der 21-Jährige viel zu organisieren.

Grüne Berufe

Pflanzenproduktion ist nur einer von vielen Einsatzbereichen, die für Agrarwirtschaftlich-technische Assistenten infrage kommen. Die in der Regel zweijährige Ausbildung wird an einer Berufsfachschule absolviert, wobei ein Jahr als Fachpraktikum bei einem Züchtungsbetrieb absolviert wird. Je nachdem, welche Schwerpunkte die Schulen anbieten, können die sogenannten ATAs auch in den Bereichen Tierzucht und -haltung sowie Umwelt- oder Lebensmittelanalytik tätig sein.

Ein interessanter Job im Agrarbereich – dahin führen heute viele Wege, wie zum Beispiel eine Ausbildung in einem der „grünen Berufe“. „Die Ausbildungen zum Landwirt oder zum Gärtner werden immer noch am häufigsten nachgefragt“, weiß Jörg-Michael Wenzler, Berufs- und Studienberater bei der Agentur für Arbeit in Esslingen. Neben diesen „Klassikern“ haben aber auch die Ausbildungszahlen in Berufen wie Fachkraft Agrarservice, Pferdewirt, Milchtechnologe oder Pflanzentechnologe zugelegt (siehe hierzu auch die Reportage „Arbeiten im Jahreszyklus“).

(Dual) studieren

Einen akademischen Einstieg in die Branche bieten zum Beispiel die Agrar-, Forst- oder Ernährungswissenschaften – derzeit gibt es hier deutschlandweit eine Vielzahl von Studienangeboten, die man etwa mit dem Finder auf studienwahl.de findet. Man kann dann beispielsweise Agrarbiologe oder Ingenieur für Agrartechnik werden (siehe hierzu die Berufsübersicht „Jobs im Grünen“).
„Auch Studiengänge wie Weinbau und Oenologie oder Agrarwirtschaft, die zum Teil auch dual angeboten werden, können eine interessante Option sein. Wichtig ist, sich möglichst vorher darüber klar zu werden, wo man später arbeiten möchte“, sagt der Berufsberater. Denn zu den potentiellen Arbeitgebern gehören nicht nur landwirtschaftliche Betriebe, sondern auch Verbände, Behörden, Forschungseinrichtungen, Lebensmittelhersteller oder Zuchtbetriebe.

Gute Aussichten

„Die Berufsaussichten für Abiturienten in der Landwirtschaft sind sehr gut. Gesucht werden nicht nur junge Menschen mit persönlichem Bezug zur Landwirtschaft, sondern grundsätzlich alle, die Interesse an Tieren, Pflanzen, Natur, Technik, Ökologie und Betriebswirtschaft haben“, weiß Franziska Schmieg vom Deutschen Bauernverband. Dabei sind nicht nur qualifizierte Führungskräfte in den Betrieben gefragt, sondern auch Berater, Lehrpersonal oder Fachleute für die Bereiche Agrarverwaltung, Finanzierung und Vermarktung. „Stark nachgefragt von Getreidemühlen, Molkereien und Zuckerfabriken sind auch Fachkräfte, die die landwirtschaftlichen Produkte verarbeiten oder die im Bereich der Landtechnik sowie in der Kommunikations- und Öffentlichkeitsarbeit tätig sind“, ergänzt sie.

Weitere Informationen

BERUFNET

Das Netzwerk für Berufe der Bundesagentur für Arbeit mit über 3.000 aktuellen Berufsbeschreibungen in Text und Bild. (Suchworte: Agrarwirtschaftlich-technische/r Assistent/in, Pflanzentechnologe/-technologin, Agrarwissenschaft, Winzer/in)
www.berufenet.arbeitsagentur.de

BERUFE.TV

Das Filmportal der Bundesagentur für Arbeit mit mehr als 300 Filmen über Ausbildungs- und Studienberufe. www.berufe.tv
Ausbildungsfilme über Grüne Berufe
www.die-deutschen-bauern.de/gruene-zukunft

abi>> Infomappen

Willst du wissen, welche Studienberufe es in diesem Bereich gibt? Dann schau mal in die abi>> Infomappe 8 Landwirtschaft, Natur und Umwelt in deinem Berufsinformationszentrum (BiZ). Den Online-Katalog zur Auswahl interessanter Mappen gibt es unter www.biz-medien.de/abi.

Deutscher Bauernverband

Unter dem Menüpunkt „Service“ veröffentlicht der DBV den jährlich erscheinenden Situationsbericht mit Trends und Fakten rund um die Land- und Agrarwirtschaft.
www.bauernverband.de

Thünen-Institut

Auf der Webseite des Bundesforschungsinstituts findet sich unter „Publikationen“ die zweijährlich erscheinende „Thünen-Baseline“, die die zu erwartenden Entwicklungen im Agrarsektor für die nächsten zehn Jahre beschreibt.

www.thuenen.de

Landwirtschaftskammern

Wer sich über eine Ausbildung in der „Grünen Branche“ informieren möchte oder einen Ausbildungsplatz sucht, findet unter dem Menüpunkt „Bildung“ eine hilfreiche Linkliste.
www.landwirtschaftskammern.de

Berufsverband Agrar-Ernährung-Umwelt

Unter „Hochschule und Studium“ kann man sich über Grüne Studiengänge, Abschlüsse und Hochschulstandorte informieren.
www.vdl.de

Bildungsserver Agrar

Die Plattform wird vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft herausgegeben und informiert umfassend über Bildungsmöglichkeiten im Agrarbereich (Aus-, Fort- und Weiterbildung sowie Studium).
www.bildungsserveragrar.de

 

Berufe in der Landwirtschaft: Übersicht

Jobs im Grünen

Pflanzen, Tiere, Technik, Betriebswirtschaft – abi>> gibt einen beispielhaften Überblick über interessante Ausbildungs- und Studienberufe im Agrarbereich.

Studienberufe

Agrarbiologe/-biologin

Agrarbiologen analysieren und bewerten, wie sich die landwirtschaftliche Produktion auf die Umwelt auswirkt. Dafür untersuchen sie zum Beispiel Pflanzen- oder Bodenproben auf Schadstoffe und erarbeiten Konzepte, wie Produktionsbedingungen und -methoden verbessert werden können.

Beamter/Beamtin – Agrarverwaltung (geh. techn. Dienst)

Beamte in der Agrarverwaltung arbeiten bei Landwirtschaftsbehörden etwa für Agrarstruktur oder Agrarordnung. Sie erarbeiten Konzepte zur Förderung und Entwicklung der Agrarpolitik, entwickeln und überwachen Förderprogramme, führen Schulungen durch und veranlassen Erhebungen.

Ingenieur/in – Agrartechnik

Ingenieure für Agrartechnik planen und entwerfen Landmaschinen und landwirtschaftliche Anlagen. Darüber hinaus entwickeln, bewerten und optimieren sie technische Verfahren für die Pflanzenproduktion und Nutztierhaltung.

Ingenieur/in – Agrarwirtschaft

Ingenieure der Agrarwirtschaft leiten landwirtschaftliche Dienstleistungs- oder Erzeugerbetriebe, wirken bei der Verarbeitung und Vermarktung von landwirtschaftlichen Produkten mit oder beraten landwirtschaftliche Betriebe.

Ingenieur/in – Weinbau

Weinberge anlegen und überwachen, für den optimalen Maschineneinsatz bei der Traubenlese sorgen, unter Berücksichtigung von Qualitätsmerkmalen Wein herstellen sowie Füll- und Verpackungsanlagen überwachen: Innerhalb dieses Tätigkeitsspektrums arbeiten Weinbauingenieure.

Pferdewirtschafter/in

Pferdewirtschafter übernehmen Fach- und Führungsaufgaben im Pferdesektor, insbesondere in den Bereichen Zucht, Haltung, Ernährung sowie Pferdesport und -touristik.

Pflanzenarzt/-ärztin

Pflanzenärzte diagnostizieren Pflanzenkrankheiten und behandeln erkrankte oder von Schädlingen befallene Nutz- und Zierpflanzen.

Ausbildungsberufe

Landwirt/in

Landwirte erzeugen pflanzliche und tierische Produkte und verkaufen diese direkt an die Verbraucher oder an den Großhandel. Ihr Arbeitsalltag umfasst unter anderem das Anbauen von Pflanzen und Feldfrüchten, die Haltung und Pflege von Nutztieren, das Bedienen von Landmaschinen sowie das Management betrieblicher Geschäftsvorgänge.

Milchtechnologe/-technologin

Milchtechnologen verarbeiten Rohmilch zu Milchprodukten, indem sie produktspezifische Rezepturen anwenden und Mischungen ansetzen. Sie bedienen die Abfüll- und Verpackungsanlagen und führen Qualitätskontrollen durch.

Pferdewirt/in – Pferdezucht

Die Ausbildung zum Pferdewirt wird in fünf Fachrichtungen angeboten: Pferdehaltung und Service, Klassische Reitausbildung, Pferderennen, Spezialreiten sowie Pferdezucht. Diejenigen, die sich für die Zucht entscheiden, wählen etwa mithilfe von Ahnentafeln und Zuchtlinien Pferde für die Zucht aus, planen den optimalen Zeitpunkt für die Besamung und führen diese durch, ziehen Fohlen auf, versorgen und pflegen die Pferde.

Tierwirt/in – Imkerei

Tierwirte der Fachrichtung Imkerei betreuen, versorgen und vermehren Bienenvölker. Sie gewinnen und vermarkten Honig, züchten Bienenköniginnen und verarbeiten Wachs. Neben Imkereien und Bestäubungsbetrieben kommen auch Landesanstalten für Bienenzucht, Forschungsinstitute und Imkergenossenschaften als Arbeitgeber infrage.

 

Berufe in der Landwirtschaft: Interview

„Landwirte müssen heute mehr denn je Unternehmer sein“

abi>> sprach mit Dr. Michael Welling, Pressesprecher beim Thünen-Institut in Braunschweig, über Trends und neue Herausforderungen in der Landwirtschaft. Die Arbeit des Bundesforschungsinstituts hat zum Ziel, die Agrar-, Forst- und Holzwirtschaft sowie die Fischerei nachhaltig weiterzuentwickeln.

abi>> Herr Dr. Welling, welche Trends sind gegenwärtig in der Landwirtschaft zu beobachten?

Dr. Michael Welling: Der Strukturwandel in der Landwirtschaft wird weitergehen. Damit ist gemeint: Die Anzahl der Betriebe geht zurück, wobei die zu bewirtschaftende Fläche annähernd gleich geblieben ist. Oder anders gesagt: Wir haben in Deutschland immer weniger Betriebe, die aber auf immer größeren Flächen landwirtschaftliche Erzeugnisse produzieren, weil das schlichtweg effizienter ist. Vor allem im konventionellen Bereich wird auch die Spezialisierung weiter zunehmen. Landwirte müssen sich heute entscheiden, ob sie etwa auf Ackerbau, Milchviehhaltung oder Schweineproduktion setzen, und selbst da haben wir Arbeitsteilung: Es gibt zum Beispiel Betriebe, die ausschließlich Ferkel erzeugen, andere wiederum haben sich auf die Aufzucht von Ferkeln und wieder andere auf die anschließende Schweinemast spezialisiert. Das bringt natürlich auch höhere Anforderungen an die Qualifikation mit sich.

abi>> Wie schätzen Sie insbesondere die Situation des Ökolandbaus ein?

Ein Porträt-Foto von Dr. Michael Welling

Dr. Michael Welling

Foto: Karin Tamoschat

Dr. Michael Welling: Die Nachfrage der Verbraucher nach Bioprodukten ist deutlich gestiegen. In den letzten Jahren hatten wir Zuwächse von circa fünf bis neun Prozent. Die ökologisch bewirtschafteten Flächen in Deutschland haben damit nicht Schritt gehalten. Ziel der Bundesregierung ist deshalb schon seit einigen Jahren, diesen Anteil auf 20 Prozent zu erhöhen, allerdings mittlerweile ohne zeitliche Vorgaben. Real werden für den Ökolandbau gegenwärtig nur 6,3 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche genutzt. Deutschland importiert viele Bioprodukte aus dem Ausland. „Bio“ ist bei uns nicht immer gleichbedeutend mit „regional“; nicht zuletzt hier haben die Verbraucher mit ihren individuellen Kaufentscheidungen eine Marktmacht.

abi>> Als Öko-Bauer tätig zu sein, ist ja nicht nur eine grundsätzliche Entscheidung, es muss sich auch unternehmerisch rechnen.

Dr. Michael Welling: Auf jeden Fall. Landwirte müssen sich heute generell mehr als Unternehmer verstehen. Schließlich ist der Markt für landwirtschaftliche Produkte wie Getreide, Milch oder Fleisch ein Weltmarkt geworden. Das heißt, unsere Landwirtschaft wird durch internationale Entwicklungen stark beeinflusst. Ob man in einem Jahr Mais, Kartoffeln oder Getreide anbaut, kann für den Jahresumsatz weitreichende Konsequenzen haben. Landwirte müssen also viel mehr als früher ökonomisches Wissen einbringen und für ihre Betriebe weitsichtige unternehmerische Entscheidungen treffen.

abi>> Die globalen Einflüsse lassen sich aktuell bei der Milchkrise gut beobachten.

Dr. Michael Welling: Die Situation vieler Milchbauern ist derzeit sehr prekär. Das hat mehrere Gründe. Als der Milchmarkt noch florierte, haben viele Milchviehbetriebe ihre Kapazitäten aufgestockt, was eine Zeitlang gut funktioniert hat. Heute haben wir ein Überangebot, vor allem wegen des russischen EU-Embargos und eines stark rückläufigen Absatzes in China. Es ist eine Frage der Zeit, bis sich der Markt wieder austarieren wird. Die Politik versucht ja gerade, die Talsohle zu überbrücken und die Folgen für die Milchbauern abzufedern.

abi>> Landwirtschaft ist auch immer mehr durch Technisierung und Digitalisierung geprägt. Inwieweit hat das die Arbeit der Landwirte verändert?

Dr. Michael Welling: Ganz klar, die Landwirtschaft ist zu einem Hightech-Bereich geworden. Wer Melkroboter oder GPS-gesteuerte Traktoren einsetzt, braucht mehr als einen Führerschein, da ist ständige Weiterbildung gefragt.

abi>> Wo und wie können Abiturienten in die Landwirtschaft einsteigen?

Dr. Michael Welling: Zuerst einmal stellt sich natürlich die Frage nach den äußeren Bedingungen. Wer den familieneigenen Hof oder Gartenbaubetrieb übernehmen will, ist mit einem Studium im Bereich Agrarwissenschaften, Gartenbau oder Forstwirtschaft sicherlich gut beraten, um auch das betriebswirtschaftliche und technische Know-how zu erlernen. Es gibt aber auch interessante Berufsmöglichkeiten außerhalb des landwirtschaftlichen Betriebes, zum Beispiel in Verbänden, Landwirtschaftskammern oder in Forschungseinrichtungen.

 

Pflanzentechnologin

Arbeiten im Jahreszyklus

Wenn eine Weizenernte ertragreich ist und die Qualität stimmt, haben nicht nur Landwirte, sondern auch Pflanzentechnologen einen guten Job gemacht. In ihrer Ausbildung lernt Saskia Grieswald (20) bei der Landwirtschaftskammer Niedersachsen (LWK), wie neue krankheitsresistente Sorten gezüchtet und erforscht werden. Dafür arbeitet sie die meiste Zeit im Freien.

Ob im Labor, Gewächshaus oder auf dem Feld – das hängt ganz vom Ausbildungsbetrieb ab. „Auf der Versuchsstation Borwede legen wir Felder mit neuen Sorten von Weizen, Roggen, Gerste, Raps, Mais oder Rüben an und untersuchen diese auf verschiedene Merkmale, zum Beispiel wie ertragreich oder krankheitsanfällig sie sind. Gemeinsam mit meinen Kollegen dokumentiere ich das für jede Parzelle und übertrage die Daten anschließend in eine Datenbank“, erzählt die 20-Jährige über ihr erstes Ausbildungsjahr.

Im Fachjargon nennt sich dieser Prozess Wertprüfung – die neuen Sorten werden über mehrere Jahre angebaut, gepflegt und geerntet. Auf den freien Markt schaffen es später nur die Sorten, die vom Bundessortenamt zugelassen werden – sehr gute Qualitätseigenschaften vorausgesetzt. Während der regulär dreijährigen dualen Ausbildung – die Abiturientin verkürzt aufgrund ihrer Schulbildung auf zwei Jahre – wird Saskia Grieswald den Rhythmus der Jahreszyklen mitmachen, wie etwa ihre erste Weizenernte in diesem Sommer, bei der sie sogar einen Mähdrescher fahren wird.

Chemie, Biologie und Exkursionen

Ein Porträt-Foto von Saskia Grieswald

Saskia Grieswald

Foto: Foto Behrens

In jedem Ausbildungsjahr besucht die 20-Jährige für elf Wochen die Berufsschule im niedersächsischen Einbeck. Der Unterricht ist jährlich auf drei Blöcke verteilt, in denen die Auszubildenden insgesamt zwölf Lernfelder bearbeiten. Im ersten Jahr geht es dabei um Fragen wie: Was braucht eine Pflanze? Was sind gute und schlechte Böden? Wie werden Substrate und Nährmedien hergestellt?

Praxisnah wird es durch viele Exkursionen. „Wir waren bei einem Saatgutzüchter und haben eine Weizen-Aussaat vorbereitet. Dazu mussten wir errechnen, wie viel Saatgut für eine bestimmte Fläche benötigt wird, danach die Samen abwiegen und für die Drillmaschinen eintüten“, erzählt sie. Bei der Arbeit im Labor wiederum hat sie gelernt, wie schädlingsresistente Pflanzen geklont und damit schnellstmöglich reproduziert werden können.

Welche Einsatzgebiete man vertiefen möchte, legt übrigens jeder Azubi selbst fest. Da ihr die Arbeit im Freien sehr wichtig war, hat Saskia Grieswald von den sieben Schwerpunkten die Bereiche Feld- und Pflanzenschutz-Versuchswesen gewählt. Außerdem stünden Gewächshaus, Kulturlabor, Saatgutwesen, Untersuchungslabor sowie Zuchtgarten zur Wahl. Im Gegensatz zu den landwirtschaftlich-technischen Laboranten (so hieß der Beruf bis 2013) ist damit das Arbeitsspektrum der Pflanzentechnologen breiter.

Wenig Schreibtischarbeit

Dass ihr Arbeitsalltag aufgrund der Jahreszeiten abwechslungsreich ist, weiß sie sehr zu schätzen. Außerdem verbringe sie nur circa 20 Prozent ihrer Zeit im Büro, etwa um die auf dem Feld erfassten Daten in eine LWK-interne Datenbank zu übertragen. Einziger Nachteil: wenn ihre Freunde in den Sommerurlaub fahren, hat sie Urlaubssperre, denn dann ist Erntezeit. Wie es nach der Ausbildung weitergehen soll, dafür gibt es auch schon Pläne: „Bei der grünen Richtung will ich auf jeden Fall bleiben und noch mehr lernen. Ich kann mir gut vorstellen, später Pflanzenwissenschaften oder Landschaftsökologie zu studieren.“

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Agrarwissenschaften

Tierisch relevant

Massentierhaltung ist immer wieder ein brisantes Thema in den Medien. Das weiß auch Janna Luisa Pieper (25), die im dritten Semester den Master Agrarwissenschaften an der Uni Göttingen studiert. Sie interessiert sich vor allem dafür, wie Hühner, Schweine und Co artgerecht gehalten, ernährt und vor Krankheiten geschützt werden können. Später als Landwirtin zu arbeiten, kommt für sie aber weniger in Frage – für Agrarexperten ist das aber auch nur eine von vielen Berufsperspektiven.

Ziegen, die friedlich auf der Weide grasen. Was für die einen nach Urlaubsidylle klingt, ist für Janna Luisa Pieper täglicher Ausblick vom Institut für Nutztierwissenschaften an der Georg-August-Universität Göttingen. Schließlich besitzt die Hochschule zwei eigene Bauernhöfe, die die Agrarwissenschaftler auch für Forschungszwecke nutzen. „Wir haben zum Beispiel die natürlichen Verhaltensweisen der Ziegen beobachtet und systematisch dokumentiert. Mit diesem Wissen lässt sich überprüfen, ob Stallanlagen oder Haltungsverfahren tiergerecht sind oder ob etwas geändert werden muss“, erklärt die Masterstudentin, die selbst auf dem Land aufgewachsen ist und schon immer einen Faible für Tiere hatte.

Breit gefächertes Studium

Ein Porträt-Foto von Janna Luisa Pieper

Janna Luisa Pieper

Foto: privat

Die Nutztierwissenschaften sind einer von sechs Schwerpunkten, die die Masterstudierenden an der Göttinger Universität wählen können (außerdem gibt es noch Agribusiness, Integrated Plant and Animal Breeding, Pflanzenproduktion, Ressourcenmanagement sowie Wirtschafts- und Sozialwissenschaften des Landbaus). Dabei beschäftigen sich die angehenden Agrarexperten damit, wie gesunde und möglichst stoffwechselstabile Nutztiere gezüchtet und gehalten werden – übrigens auch solche, die im Wasser leben. Aber auch alle Fragen rund um die Verhaltensforschung, Tierernährung oder die Qualität tierischer Erzeugnisse spielen eine Rolle, bis hin zu den wirtschaftlichen und juristischen Rahmenbedingungen oder verfahrenstechnischen Voraussetzungen. „In einem Rinder- oder Schweinestall etwa gibt es genaue Anforderungen an Spaltenböden, denn die Tiere sollen mit ihren Exkrementen so wenig wie möglich in Berührung kommen“, weiß die 25-Jährige.

Auf Exkursionen zu anderen landwirtschaftlichen Betrieben, Schlachthöfen oder auch ins europäische Ausland hat sie viel über die Herausforderungen der modernen Landwirtschaft erfahren – etwa auch, was es bedeutet, wenn ein Hof von konventioneller auf biologische Landwirtschaft umsteigt. „Die Landwirte haben sich immer viel Zeit für uns genommen und waren sehr offen für Diskussionen“, erinnert sie sich.

Später (k)ein Landwirt?

Bald beginnt für Janna Luisa Pieper das vierte Semester und damit auch die Zeit der Masterarbeit, für die sie aber nicht zwangsläufig ein tierspezifisches Thema wählen muss. Denn die Göttinger Universität bietet in den Agrarwissenschaften einen generalisierten Master an. Für die 25-Jährige war das ein entscheidendes Kriterium bei der Wahl ihrer Hochschule. Nach dem Abschluss ist für sie vieles denkbar: „Ich könnte mir gut vorstellen, Landwirte bei der Tierhaltung zu beraten, aber auch als Referentin bei einer Landwirtschaftskammer tätig zu sein oder ich hänge noch eine Promotion dran.“

Dass nur wenige Agrarwissenschaftler später in landwirtschaftliche Betriebe gehen, zeigt auch eine bundesweite Absolventenbefragung des VDL-Berufsverbandes Agrar, Ernährung, Umwelt e.V. von 2015. Für den Berufseinstieg sind demnach der Dienstleistungssektor (häufig Beratung), wissenschaftliche Einrichtungen und der Landwirtschaft vorgelagerte Unternehmen (zum Beispiel Landtechnik- und Pflanzenschutzhersteller) wichtige Branchen.

 

Winzer

Handarbeit im Weinberg

Vor drei Jahren hat Christian Dautel (30) von seinem Vater das gleichnamige Weingut im baden-württembergischen Bönnigheim übernommen. Seine Erfahrungen hat er nicht nur zu Hause, sondern auch auf Weinbergen rund um den Globus gesammelt. Heute ist er das Gesicht des Familienunternehmens und weiß genau, was er will.

Das Familienunternehmen der Dautels hat sich hauptsächlich auf Rebsorten wie Lemberger, Spätburgunder, Riesling und Weißburgunder spezialisiert. „Historisch bedingt sind unsere Weinberge rund um Bönnigheim eher klein parzelliert. Das ist sehr arbeitsintensiv, denn jede Parzelle wird einzeln ausgebaut, gelesen und verkostet“, sagt der Jungwinzer. Handarbeit im Freien gehört dabei selbstredend zum Berufsalltag, etwa wenn es darum geht, neue Rebstöcke zu pflanzen, zu beschneiden und am Heftdraht anzubinden, um den Kletterpflanzen Unterstützung zu geben. „Solche Arbeiten macht man auch mal zwei Monate lang jeden Tag. Das kann manchmal etwas monoton sein, aber die Leidenschaft fürs Produkt trägt einen durch“, sagt er.

Die Arbeit im Weinberg organisiere jedoch hauptsächlich sein Vater, er hingegen sei für den Keller zuständig. Hier werden die Trauben nach der Lese verarbeitet und durch önologische Verfahren der Geschmack des späteren Weines beeinflusst. Christian Dautel überlegt genau, welche Weine später zusammen abgefüllt werden: „In einem Fass sind meistens nur die Trauben von einer Parzelle, um sie auch einzeln verkosten und bewerten zu können. Man braucht viel Fingerspitzengefühl, um anschließend aus den einzelnen Weinen das bestmögliche Produkt zu machen“, schildert er.

Beruf mit hoher Wertschätzung

Ein Porträt-Foto von Christian Dautel

Christian Dautel

Foto: Andreas Durst

Winzer müssen ganzheitlich denken und arbeiten: „Fehler, die im Weinberg passieren, bemerkt man oft erst viele Jahre später in der Flasche“, bringt es der Jungwinzer auf den Punkt. Schließlich sorgen Witterung und Klima jedes Jahr für andere Ausgangsbedingungen. „2016 gab es schon viele Niederschläge, da ist es schwierig, mit dem Traktor zu arbeiten, ohne die Böden kaputt zu machen“, sagt er. Zu anderen Zeiten sind die Böden wiederum sehr trocken oder die Reben von Krankheiten bedroht. Neben Entscheidungen über Anbau, Bodenpflege und Pflanzenschutz muss auch der Zeitpunkt der Weinlese gut überlegt sein. Denn die Trauben besitzen je nach Region und Wetterlage nur für wenige Tage eine optimale Qualität.

Außer der Arbeit im Weinberg und im Keller ist Christian Dautel als Chef des Familienunternehmens auch für die Vermarktung der Weine verantwortlich. Weinverkostungen, Führungen durchs Weingut, Präsentationen, Fachmessen, Preisverhandlungen, Medieninterviews – die Bandbreite ist groß und das gefällt ihm: „Der Winzerberuf ist sehr angesehen, ich werde oft eingeladen und es gibt viele tolle Veranstaltungen in der Branche.“ Wichtig ist ihm, den Betrieb weiterhin so erfolgreich zu führen, wie es seine Eltern getan haben. Dann wäre er schon sehr stolz, sagt er.

Praktika im Ausland

Winzer werden, weil es nahe liegt oder weil er wirklich Lust darauf hat? Zweifellos eine wichtige Frage, die sich Christian Dautel nach dem Abi stellte. Da er sich auch für Grafikdesign interessiert, folgte erstmal ein Praktikum in einer Werbeagentur. „Irgendwie hat mich das nicht überzeugt“, erinnert er sich. Er entschied sich für das Diplomstudium „Weinbau und Önologie“ an der Hochschule Geisenheim. Vor und während des Studiums zog es ihn ins Ausland, wo er auf Weingütern in Australien, Südafrika, Österreich, den USA und Frankreich mitarbeitete. „Mein Vater hat ein gewisses Alter, deshalb war klar, dass es nach dem Studium zu Hause weitergeht“, sagt er.


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Stand: 20.04.2018