„Ohne Disziplin geht es nicht“

Mann und Frau arbeiten in einem Coworking-Space an einem Tablet-PC.
Arbeiten im Café, im Coworking Space oder von zu Hause aus? Viele Arbeitnehmer haben diese Möglichkeiten heute – dank digitaler Entwicklungen.
Foto: Martin Rehm

Arbeitswelt 4.0

„Ohne Disziplin geht es nicht“

Fester Arbeitsplatz ade! Ein Laptop mit Internetzugang reicht heute vielen aus, um ihre Arbeit zu erledigen. Gerade Freiberufler profitieren vom digitalen Büro und arbeiten immer häufiger direkt von zu Hause oder in sogenannten Coworking Spaces. Aber auch die Unternehmen probieren flexible Arbeitsmodelle aus.

Karolin Janus ist freie Texterin mit Leib und Seele. Sie entwickelt und schreibt alles, was Start-ups und etablierte Unternehmen für ihre Werbung und Außendarstellung benötigen – vom Flyer, über Webseiten bis hin zum kompletten Social-Media-Auftritt. Seit drei Jahren ist die studierte Germanistin, die nach ihrem Masterabschluss gleich noch ein Fernstudium für Texter und Konzeptioner dranhängte, selbstständig.

Anfangs hat sie meistens von zu Hause aus gearbeitet: „Als es dann immer mehr zu tun gab, wünschte ich mir eine andere Arbeitsatmosphäre und habe mir deshalb tageweise einen Schreibtisch im Studio Delta gemietet“, erinnert sich die 28-Jährige. Dem Leipziger Coworking Space ist sie treu geblieben, mittlerweile in einem eigenen Büro, das sie sich mit einer Kollegin teilt.

Analog und digital

Ein Porträt-Foto von Karolin Janus

Karolin Janus

Foto: Markus Steinbach

Datenaustausch in der Cloud oder Nachrichten-Anwendungen fürs Smartphone – welche Tools zu ihrer Arbeit passen, hat Karolin Janus nach und nach ausprobiert und sich ihre digitale Infrastruktur selbst zusammengestellt. Aber nicht alles läuft online, denn bei neuen Projekten oder Auftraggebern findet sie persönliche Treffen sehr wichtig. „Wenn Menschen an einem Tisch zusammensitzen, ist es viel kreativer. Bei meiner Arbeit geht es ja nicht nur ums Texten, sondern auch um die Ideen drum herum“, sagt sie. Alles Weitere ließe sich dann gut per E-Mail oder Skype abstimmen. Eventuelle Ausfälle des Internets sind für die Texterin kein Problem: „Ich nutze die Zwangspause, um neue Projekte zu planen oder arbeite im Home-Office weiter“.

Zahl der Heimarbeiter nimmt ab

Ihre Arbeit hin und wieder nach Hause verlegen zu können, das wünschen sich auch viele Angestellte. Allerdings geht die Zahl der Heimarbeiter seit Jahren zurück und ist zuletzt wieder auf unter acht Prozent gesunken. Zum Vergleich: 2008 waren es laut Statistischem Bundesamt noch 9,7 Prozent. Experten gehen davon aus, dass es in deutschen Firmen immer noch eine starke Präsenzkultur gibt, getreu nach dem Motto: Nur wer im Büro ist, arbeitet auch!

In anderen EU-Ländern ist das zum Teil anders. So haben beispielsweise Angestellte in den Niederlanden seit Juli 2015 ein gesetzliches Recht auf Heimarbeit. Auch andere Modelle wie etwa Jobsharing setzen deutsche Firmen noch eher zurückhaltend in die Praxis um. Beim Jobsharing teilen sich in der Regel zwei Arbeitnehmer eine Vollzeitstelle und arbeiten dabei eng als Team zusammen. Bundesweit bieten 15 Prozent aller Unternehmen dieses Modell an; zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Magazins „Arbeit und Arbeitsrecht“ vom Januar 2015. Doch das Potenzial scheint groß zu sein, denn in Europa setzt durchschnittlich ein Viertel aller Unternehmen auf das „Zweiteilen-Prinzip“, in Großbritannien sogar jede zweite Firma.

Technische Möglichkeiten sind nur der Anfang

„Zumindest in der Kommunikationsbranche gibt es noch keine nennenswerten Erfahrungen mit geteilten Stellen“, sagt Thomas Lüdeke, Mitglied im Bundesvorstand der Deutschen Public Relations Gesellschaft (DPRG). Im Hinblick auf flexible Arbeitsorte werde dagegen immer häufiger experimentiert, allerdings sei die entsprechende Unternehmenskultur noch keine Selbstverständlichkeit.

Ein Porträt-Foto von Thomas Lüdeke

Thomas Lüdeke

Foto: Privat

Auch bei der mobilen Infrastruktur gäbe es noch Hürden. „Ob Home-Office oder im Büro, für Mitarbeiter darf das technisch kein Unterschied sein, ansonsten geht eine Menge an Effizienz verloren. Home-Office verlangt nicht nur vom Arbeitgeber Flexibilität, sondern auch Verbindlichkeit vom Mitarbeiter. Wer zu Hause arbeitet, bekommt zwangsläufig weniger Flurfunk mit und ist selbst für die enge Kommunikation mit den Kollegen verantwortlich“, sagt Thomas Lüdeke.

Berufseinsteigern fehlen die Erfahrungen

Gerade Berufseinsteiger sollten erstmal sattelfest werden, bevor sie über flexible Arbeitsmodelle nachdenken, findet Michael Hümmer, Berufs- und Studienberater bei der Arbeitsagentur Fürth: „Von Absolventen erwarten die meisten Arbeitgeber anfangs 120-prozentigen Einsatz. Viele stehen erstmal unter Beobachtung, bevor sie eigene Verantwortung bekommen.“ Außerdem fehle Berufseinsteigern oft noch die fachliche Sicherheit und das Hintergrundwissen über interne Betriebsabläufe, um selbstorganisiert außerhalb des Büros arbeiten zu können.

Für ihre Betriebsabläufe ist Karolin Janus selbst verantwortlich. Sie hat die Vor- und Nachteile schon früh kennengelernt, denn beide Eltern sind ebenfalls selbstständig und haben sie bei ihrer Entscheidung unterstützt. Nicht für jeden ist es das Richtige. „Ohne Selbstdisziplin geht es nicht. Man braucht einen langen Atem und muss voll und ganz dahinter stehen“, sagt sie.

Mehr Infos

BERUFNET

Das Netzwerk für Berufe der Bundesagentur für Arbeit mit über 3.000 aktuellen Berufsbeschreibungen in Text und Bild. (Suchworte: Werbetexter/in, Jurist/in, Multimediafachmann/-frau)
www.berufenet.arbeitsagentur.de

JOBBÖRSE

In der Jobbörse der Bundesagentur für Arbeit kann man nach Praktikums- und Ausbildungsplätzen sowie nach Stellenangeboten suchen.
http://jobboerse.arbeitsagentur.de

Bitkom

Der Branchenverband vertritt mehr als 2.300 Unternehmen der digitalen Wirtschaft. Unter dem Menüpunkt „Themen > Standort Deutschland“ kannst du dich zum Beispiel über die Schwerpunkte „Start-ups“ oder „Bildung & Arbeit“ informieren.
www.bitkom.org

Gesellschaft für Arbeitswissenschaft (GfA)

Die GfA ist eine Vereinigung von Wissenschaftlern und anderen Interessierten, die die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Analyse und Gestaltung von Arbeitsprozessen fördern wollen. Die Webseite gibt unter anderem einen Überblick über relevante Studienangebote.
www.gesellschaft-fuer-arbeitswissenschaft.de

Bundesverband der Freien Berufe (BFB)

Der BFB vertritt die Interessen der freien Berufe in Deutschland.Unter dem Menüpunkt „Über die Freien Berufe“ kannst du dich unter anderem informieren, wann man von Freien Berufen spricht und welche Berufsgruppen dazu gehören.
www.freie-berufe.de

Texterverband

Berufsverband für Texter und Konzeptioner. Die Mitglieder sind hauptsächlich Freiberufler, aber auch Angestellte. Auf der Webseite finden sich unter anderem aktuelle Texter-Seminare und -Workshops sowie Termine für regionale Textertreffen.
www.texterverband.de

 

abi>> Animation

Arbeitswelt 4.0

Aufstehen und ab zu dem Arbeitsplatz, den der Arbeitgeber zur Verfügung stellt: Für die meisten Arbeitnehmer ist das Alltag. Es gibt jedoch auch Arbeitsmodelle, die mehr Spielraum für Individualität lassen, etwa wenn zwei Menschen sich eine Stelle teilen, von zu Hause aus arbeiten oder in einem offenen Gemeinschaftsbüro, dem sogenannten Co-Working Space, tätig sind.

 

 

Interview

„Trend zum Home-Office vor allem bei Bürotätigkeiten“

abi>> sprach mit Karl Brenke, Arbeitsmarkt- und Konjunkturexperte beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) über die neue, flexiblere Arbeitswelt, in der Heimarbeit und geteilte Stellen nach wie vor dennoch die Ausnahmen sind.

abi>> Herr Brenke, inwieweit hat sich die Arbeitswelt durch Modelle wie Home-Office oder Jobsharing verändert?

Karl Brenke: Eigentlich gar nicht, zumindest nicht gravierend. In Deutschland geht die Zahl der abhängig Beschäftigten, die häufig oder gelegentlich im Home-Office arbeiten, eher zurück. Je nachdem, welche Statistik man hinzuzieht, sind derzeit acht bis zwölf Prozent der Angestellten auch als Heimarbeiter tätig. Über Jobsharing weiß man hingegen nur wenig, für den deutschen Arbeitsmarkt ist es praktisch nicht relevant.

abi>> Warum nicht?

Ein Porträt-Foto von Karl Brenke

Karl Brenke

Foto: Anna Blancke

Karl Brenke: Es gibt einfach viele Nachteile für den Arbeitnehmer im Vergleich zu einer regulären Beschäftigung. Zum Beispiel ist kein urlaubs- oder krankheitsbedingter Ausfall vorgesehen, bei Teilzeitstellen schon. Wenn sich zwei Personen eine Stelle teilen, wird erwartet, dass immer einer da ist. Dafür muss man häufig auch flexibel reagieren und kann die abgesprochenen Arbeitszeiten vielleicht nicht immer einhalten. Also ganz konkret: Wenn der andere mal krank ist, springt man automatisch als Vertretung ein und muss eventuell länger bleiben oder zu anderen Zeiten kommen. Gerade für Arbeitnehmer mit Kindern kann das problematisch sein, wenn sie plötzlich den ganzen Tag im Büro sein sollen, aber eigentlich ihr Kind aus der Kita abholen müssten.

abi>> In welchen Branchen und Berufen sind flexible Arbeitszeitmodelle denn am meisten verbreitet?

Karl Brenke: Einen Trend zum Home-Office gibt es vor allem bei Bürotätigkeiten. Arbeitsplätze in der Industrie oder in der Baubranche eignen sich hingegen weniger für Heimarbeit. Generell lässt sich sagen, je höher die Arbeitnehmer qualifiziert sind, desto höher ist der Anteil derjenigen, die auch zu Hause arbeiten. Die Klassiker sind Lehrer, Richter oder Psychologen. Bei vielen einfachen Jobs ist das aufgrund der Arbeitsbedingungen gar nicht möglich. Verkäufer haben eben im Laden zu sein.

abi>> Und wie beurteilen Sie die Chancen für Arbeitgeber und Arbeitnehmer?

Karl Brenke: Für Angestellte bieten flexible Arbeitszeiten und insbesondere die Heimarbeit vor allem zwei Vorteile. Erstens können sie sich den Arbeitstag freier einteilen. Und viele sparen sich die mitunter recht langen Wege zum Arbeitsplatz, was gesamtwirtschaftlich gesehen auch eine Verminderung der Verkehrsbelastung vor allem in großen Städten bedeutet. Arbeitgeber können möglicherweise Kosten einsparen, weil sie weniger Büroarbeitsplätze bereithalten müssen. Aber vor allem zählt bei der Entlohnung nicht mehr nur die Anwesenheit, sondern auch die Leistung der Mitarbeiter. Viele Chefs achten immer noch sehr darauf, wie lange ihre Mitarbeiter im Büro sind. Wenn Leistung wichtiger wird, ist das viel effizienter für die Arbeitgeber. Heißt aber auch, sie müssen sich bei der Kontrolle ihrer Mitarbeiter umorientieren, was in der Anfangsphase einen gewissen Aufwand bedeutet.

abi>> Damit wären wir auch gleich bei den Risiken.

Karl Brenke: Für Arbeitnehmer ist Heimarbeit eine zwiespältige Geschichte. Sie müssen ziemlich viel Disziplin zeigen, um ihre Leistung während einer entsprechenden Zeit zu erbringen. Das erfordert eine ganz andere Arbeitsorganisation und kann auch zur Stressfalle werden. Deshalb sollte man Home-Office und Büro-Tage auch immer im Wechsel machen.

abi>> Diese Disziplin müssen Freiberufler jeden Tag aufbringen. Welche Vor- und Nachteile sehen Sie insbesondere für diese Gruppe?

Karl Brenke: Generell ist bei den Alleinunternehmern und Freischaffenden die Zahl derjenigen, die zu Hause arbeiten viel größer als bei den Angestellten. Die Kostenersparnis ist dabei natürlich ein großer Vorteil. Ein Risiko ist aus meiner Sicht die Gefahr der Vereinzelung, was aber eher selten vorkommt. Bei vielen Jobs sind die sozialen Kontakte ja automatisch da. Wer zum Beispiel in der Werbung arbeitet, wird viel mit Kunden oder Auftraggebern zu tun haben.

 

Home-Office

In den eigenen vier Wänden

Großraumbüro oder Home-Office, kontrastreicher geht es fast nicht. Solche Ortswechsel gehören für die Rechtsanwältin Julia Dütsch (34) mittlerweile zum Arbeitsalltag. Denn zu Hause lassen sich Präsentationen und Konzepte ungestörter erledigen. Feste Heimarbeitstage sind allerdings tabu – eine Regel, die für dieses flexible Arbeitsmodell vereinbart wurde.

Julia Dütsch arbeitet als Referentin für Arbeitsrecht und Personalpolitik in der Personalabteilung der HUK-Coburg, einer Versicherungsgruppe mit bundesweit rund 10.000 Mitarbeitern. Alles, was in puncto Arbeitszeit und Arbeitsmodelle eingeführt oder neu geregelt werden soll, geht über ihren Tisch. „Ich betreue insbesondere die Themen, die mit dem Betriebsrat verhandelt und abgestimmt werden müssen und das nicht nur für die Zentrale, sondern auch für die 37 anderen Standorte“, erläutert die Rechtsanwältin. Ein Meilenstein ist wohl die Einführung von Home-Office im vergangenen Jahr. Denn seit ein paar Monaten dürfen die rund 5.500 Mitarbeiter in der Coburger Zentrale unter bestimmten Voraussetzungen an (maximal) vier Tagen im Monat ihre Arbeit zu Hause erledigen.

Ein Porträt-Foto von Julia Dütsch

Julia Dütsch

Foto: Karolin Holland

Diese Möglichkeit weiß auch Julia Dütsch zu schätzen: „Ich lege circa alle zwei Wochen einen Tag im Home-Office ein. Öfter klappt es leider wegen Besprechungsterminen oder Dienstreisen nicht.“ In den eigenen vier Wänden kann sie dann in Ruhe Präsentationen ausarbeiten oder rechtliche Gutachten prüfen. Man schaffe sehr viel, weil es weniger Unterbrechungen gäbe, sagt sie. „Natürlich kommen auch Anrufe oder E-Mails rein, aber ich habe eben keine anderen Termine oder werde abgelenkt, weil ein Kollege etwas wissen möchte.“

Anspruchsdenken, nein danke!

Ihren Arbeitsalltag im Großraumbüro, das sie mit mehr als 40 Kollegen teilt, möchte sie aber nicht missen, denn man kann sich dort auf kurzem Weg austauschen und gut zusammen arbeiten. Sich gegenseitig auf dem Laufenden zu halten, ist im Team von Julia Dütsch selbstverständlich. Sie ist eine von insgesamt zwölf Spezialisten – die meisten sind Juristen und Betriebswirtschaftler – die für die HUK-Unternehmensgruppe personalpolitische und arbeitsrechtliche Themen verhandeln.

Wer einen Tag im Home-Office einlegen möchte, informiert die anderen kurzfristig per E-Mail. „Uns ist es wichtig, dass es keine festgelegten Tage gibt, denn dann werden Begehrlichkeiten geweckt. So kommen für jeden alle Wochentage infrage“, erklärt die 34-Jährige. Flexibel und abwechslungsreich arbeiten zu können, war ihr schon immer wichtig. „Nur am Schreibtisch zu sitzen und Rechtsgutachten zu prüfen, wäre nichts für mich. Da ich viel mit den anderen Standorten zu tun habe, reise ich oft und kenne im Prinzip die ganze HUK“, sagt die gebürtige Coburgerin.

Mehr Lebensqualität

Ihre Stelle hat Julia Dütsch vor sieben Jahren dank einer überzeugenden Initiativbewerbung bekommen. Davor studierte sie Rechtswissenschaft und Europäisches Recht an der Universität Würzburg. Einen Teil ihres zweijährigen Referendariats absolvierte sie in einer Coburger Rechtsanwaltskanzlei, die sich unter anderem auf Familien- und Arbeitsrecht spezialisiert hat. „Mein Interesse insbesondere für arbeitsrechtliche Fragen hat mich dann zur HUK-Coburg geführt“, erinnert sie sich. Dass ihr heutiger Arbeitgeber neben Home-Office auch andere Modelle wie Gleitzeit (Arbeit kann in gewissem Rahmen frei eingeteilt werden) oder Teilzeit (reduzierte Arbeitszeit) anbietet, findet sie nicht zuletzt für ihre individuelle Lebensplanung sehr positiv: „Wenn ich eine Familie gründen möchte, ist es doch beruhigend zu wissen, dass meine Stelle auch teilzeitfähig ist.“

 

Coworking Space

Nur digital reicht nicht

Um Familie und Job besser verbinden zu können, hat sich der Multimedia-Designer Riccardo Flemming (39) selbstständig gemacht. Seine Arbeit erledigt er nun zu selbstbestimmten Zeiten von zu Hause aus oder im sogenannten Coworking Space, einem Gemeinschaftsbüro. Trotz aller Flexibilität – die besten Ideen hat er immer dann, wenn er Menschen persönlich trifft.

Nach anderthalb Jahren Elternzeit war Riccardo Flemming klar, dass es mit seinem Vollzeit-Job in einer Leipziger Werbeagentur schwierig werden würde, Familie und Beruf unter einen Hut zu kriegen. Um zeitlich unabhängiger zu sein und schneller auf die familiären Bedürfnisse reagieren zu können, hat er sich selbstständig gemacht. Heute arbeitet er hauptsächlich im Home-Office und fährt zweimal in der Woche in ein Gemeinschaftsbüro nach Leipzig, wo er sich ein Büro mit einer Design- und Kreativagentur teilt. Dafür hat er bewusst feste Tage eingeplant. „Wenn man nur zu Hause arbeitet, läuft man Gefahr sich abzuschotten und nichts mehr mitzubekommen. Im Studio habe ich viel Kontakt zu anderen Kreativen, daraus sind auch schon einige Projekte entstanden“, sagt der gelernte Mediendesigner für Digital- und Printmedien, der nach einigen Jahren Berufspraxis Multimedia Design studiert hat.

Sein Steckenpferd sind unter anderem Websites und Apps, die er im Auftrag von kleinen und mittelständischen Unternehmen verschiedener Branchen sowie von Künstlern und kulturellen Einrichtungen konzipiert, designt und programmiert. Thematisch sei er aber nicht festgelegt: „Das ist ja das Schöne an meiner Arbeit, ich bekomme Einblicke in viele wirtschaftliche und gesellschaftliche Bereiche“, sagt er.

Freie Zeiteinteilung – eine große Kunst

Ein Porträt-Foto von Riccardo Flemming

Riccardo Flemming

Foto: Sylvia Rohr

Eine neue Homepage mit der Ansage „Mach einfach mal!“ gibt es bei Riccardo Flemming allerdings nicht. Erfahrungsgemäß hätten die Kunden häufig dann doch andere Vorstellungen. „Ich möchte die Menschen immer persönlich kennenlernen. Nur so bekomme ich einen authentischen Eindruck davon, was die Person oder die Geschäftsidee besonders macht. Das kann ich dann beim Entwickeln eines Logos, Webauftritts oder einer Geschäftsausstattung widerspiegeln“, sagt der Multimedia-Designer. Heute bestimmt er selbst darüber, wann er welche Projekte bearbeitet: „Früher musste ich oft auf Anhieb kreativ sein. Es kommt aber nicht immer gleich ein zündender Funke, in solchen Momenten kann ich jetzt erst mal etwas anderes machen.“

Sich seine Zeit frei einteilen zu können, sei aber auch eine Herausforderung. Gerade wenn es darum geht, mehrere Aufträge zeitlich aufeinander abzustimmen, ist gutes Projektmanagement gefragt. „Diesen Part hat früher die Agentur geregelt, als Freiberufler übernehme ich das natürlich mit“, sagt er. Abend- und Nachtschichten sind dabei keine Seltenheit, etwa wenn sein dreijähriger Sohn mal krank ist, so dass tagsüber wenig Zeit zum Arbeiten bleibt. „Wenn ich auch am Wochenende gearbeitet habe, achte ich aber darauf, mir dafür ein anderes komplett frei zu nehmen, um Zeit für meine Familie zu haben. Wer immer nur arbeitet, macht sich kaputt“, ist er überzeugt.

Flexibel und verbindlich – ein Widerspruch?

Künftig kann sich Riccardo Flemming gut vorstellen, mehr im Coworking-Studio und weniger zu Hause zu arbeiten – aber erst wenn sein Sohn etwas älter und selbstständiger ist. Auch wenn sich in seinem Job fast alles digital erledigen ließe, spiele der Arbeitsort schon eine große Rolle. Ohne das Zwischenmenschliche könne er eben auf Dauer nicht kreativ sein, meint der 39-Jährige. Ob er sich vorstellen kann, später auch mal wieder angestellt zu arbeiten? „Ich will mich gar nicht festlegen, das entspricht mir nicht. Gerade im digitalen Bereich ändert sich vieles sehr schnell, man muss mit dem Strom schwimmen und das dann auch abhängig von der Lebenssituation entscheiden. Jetzt ist die Selbstständigkeit genau das Richtige für mich“, sagt er.

 

Interview

Arbeiten wird anspruchsvoller

Im Gespräch mit abi>> erläutert der Trend- und Zukunftsforscher Matthias Horx, welche Fertigkeiten zukünftig besonders gefragt sind und warum wir weiterhin Büros brauchen.

abi>> Werden wir künftig zum Arbeiten überhaupt noch die Wohnung verlassen oder kommt vielleicht sogar die Fabrik zu uns nach Hause?

Ein Porträt-Foto von Matthias Horx

Matthias Horx

Foto: Privat

Matthias Horx: Nun ja, wie soll man dann zum Beispiel in einem Altersheim arbeiten, wenn man die Wohnung nicht verlässt? Oder in einem tollen Ladengeschäft? Es wird, so lange es die Menschheit gibt, immer Orte geben, an denen man arbeitet, und auch der 3-D-Drucker kommt nicht in jeden Haushalt. Nicht jeder hat Lust, sich die eigenen Hosenknöpfe selbst auszudrucken. Außerdem wissen wir aus vielen Erfahrungen, dass es auch künftig so etwas wie ein Büro geben wird. Einfach einen Ort, an dem sich Menschen treffen, um sich gegenseitig zu inspirieren. Dafür brauchen wir körperliche Nähe.

abi>> Welche Chancen und Risiken sind mit zunehmender Flexibilisierung von Arbeitszeitmodellen verbunden?

Matthias Horx: Die Chance, dass wir Arbeit endlich an unterschiedliche Lebenssituationen und Arbeitsstile anpassen können, als immer nur die gleichen acht Stunden lang im Büro zu sitzen. Das ist ja absurd: Wir wissen, dass unser Leben sich immer mehr individualisiert und flexibilisiert, aber unsere Arbeitswelt ist noch wie im 19. Jahrhundert. Wenn wir kleine Kinder haben, brauchen wir mehr Zeit für die Familie, und wenn die Kinder aus dem Haus sind, können wir wieder mehr arbeiten, selbst mit 65 noch. Die Arbeit an die Menschen anzupassen anstatt umgekehrt – das wäre eine Großleistung der Kultur. Die richtige Strategie ist Flexicurity, eine Kombination aus den englischen Begriffen „flexibility“ und „security“ (Anm. d. Redaktion: Flexibilität und Sicherheit).

abi>> Wie sehen Arbeitnehmer der Zukunft aus, welche Fähigkeiten müssen sie mitbringen?

Matthias Horx: Es wird sehr viele verschiedene Anforderungen geben. In einer Fabrik der Industrie 4.0 müssen die Mitarbeiter hohe technische Disziplin mitbringen, in kreativen Berufen müssen sie eher frei denken und im Netzwerk kommunizieren können.

In Wahrheit ist der Begriff „Arbeitnehmer“ schon das Problem. Wer nimmt und wer gibt da eigentlich? In der Zukunft wird derjenige einen guten Job kriegen, der ein guter Selbst-Unternehmer ist. Die begehrten Leute sind dann die, die nicht auf Anweisungen warten, die selbstständig handeln und entscheiden können. Es geht immer mehr um Fertigkeiten wie Kommunikationsfähigkeit, Emotionale Intelligenz und Digitale Kompetenz.

abi>> Aber werden wir nicht auch überflüssiger, weil Computer und Maschinen immer mehr die Arbeit für uns übernehmen?

Matthias Horx: Dieser Unsinn wird seit ungefähr 300 Jahren erzählt. Immer wenn der Automatisierungsgrad steigt, entstehen gleichzeitig tausend neue Berufe und Tätigkeiten, mit denen man sein Geld verdienen kann – auf einer komplexeren und kreativeren Ebene. Von Computern und Maschinen übernommen werden immer nur die monotonen Arbeiten, die schon maschinell erledigt werden können. Das kann natürlich in Zukunft auch auf Buchhalter zutreffen, aber ich glaube nicht, dass man Ärzte durch Computer ersetzen kann, denn Arzt ist ein Heilberuf und hat viel mit dem Zwischenmenschlichen zu tun. Mit der Digitalisierung einher geht natürlich, dass das Bildungsniveau der Menschen weiter steigen muss – eben auch in den sogenannten weichen Fähigkeiten, die Maschinen so schnell nicht draufhaben werden. Aber keine Angst: Noch nie waren so viele Menschen berufstätig wie heute und wir haben ja schon viele Rationalisierungswellen hinter uns. Das wird auch in Zukunft so sein.


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Stand: 17.01.2018