Sozialwesen im Aufwind

Sozialarbeiter im Gespräch.
Auf die Ängste und Probleme anderer Menschen eingehen: Soziapädagogen arbeiten im täglichen Kontakt mit ihren Patienten.
Foto: Katharina Kemme

Sozialarbeiter/Sozialpädagogen – Hintergrund

Sozialwesen im Aufwind

Vor allem der Ausbau der Kinder- und Jugendbetreuung hat im Sozialwesen den Bedarf an Fachkräften angekurbelt. Sozialpädagogen und Sozialarbeiter gehören mittlerweile zu den gefragtesten Akademikern.

Refugio ist ein Beratungs- und Behandlungszentrum für traumatisierte Flüchtlinge und Folteropfer. Die über 45 festangestellten Mitarbeiter der Münchner Einrichtung kümmern sich jährlich um über 2.000 Menschen. Dort arbeitet auch Jonathan Ebert. Als Asylsozialberater spricht der 30-Jährige jeden Tag mit den Geflüchteten über ihre aktuelle Lage, ihre Rechte, über die Wohnungs- und Arbeitssituation sowie ihr Asylverfahren.

Dabei ist er ständig im Austausch mit den Therapeuten von Refugio, aber auch mit Rechtsanwälten und Behörden. Auch auf politischer Ebene ist er aktiv: Er engagiert sich in Gremien und arbeitet an der Vernetzung mit anderen Institutionen der Flüchtlingshilfe. Obwohl es nicht einfach ist, tagtäglich mit Geschichten über Gewalt konfrontiert zu werden, arbeitet Jonathan Ebert in seinem Traumjob: „Ich erlebe, dass unsere Arbeit den Menschen tatsächlich helfen kann. Und das ist sehr erfüllend.“

Um diese Arbeit leisten zu können, brauche es sicherlich „ein grundsätzliches Vertrauen in das Gute der Welt“, das er unter anderem in seinem christlichen Glauben findet. Seine Professionalität aber verdankt er dem Studium Soziale Arbeit: „Ich habe gelernt, mich selbst zu reflektieren. Nur so kann man eine gesunde Balance aus Distanz und Nähe halten.“ Dass ihm dieses Gleichgewicht auch tatsächlich gelingt, liegt an den Strukturen von Refugio: „Es wird sehr darauf geachtet, wie es den Mitarbeitern geht. Wir sind eng in ein sehr gutes Team eingebettet und tauschen uns viel aus.“

Bereits im Studium beschloss Jonathan Ebert, sich in der Flüchtlingshilfe zu engagieren, und verbrachte ein Jahr im Senegal. Bevor er zu Refugio kam, betreute er in einem Jugendwohnheim unbegleitete Minderjährige: „Meine Arbeit berührt sehr viele Themen – interkulturelle und soziologische, therapeutische und gesundheitliche.“

Guter Arbeitsmarkt

Ein Porträt-Foto von Jonathan Ebert

Jonathan Ebert

Foto: privat

Jonathan Ebert hat eine unbefristete Vollzeitstelle, was im Sozialwesen nicht selbstverständlich ist. „Viele Stellen werden im Rahmen von Projekten öffentlich gefördert, daher gibt es einen hohen Anteil befristeter Stellen“, sagt Susanne Lindner von der Arbeitsmarktberichterstattung der Bundesagentur für Arbeit. „Auffallend hoch ist zudem die Teilzeitquote.“ (siehe Interview „Das richtige Studium!“) Dennoch: „Insgesamt hat sich der Arbeitsmarkt in den letzten Jahren sehr positiv entwickelt“, so die Arbeitsmarkt-Expertin. Die Nachfrage nach Fachkräften ist stark gestiegen. Gleichzeitig ist die Arbeitslosigkeit deutlich gesunken und befand sich 2016 auf dem niedrigsten Stand seit zehn Jahren.

Neben der immer älter werdenden Bevölkerung, die mehr soziale Betreuung und Beratung erfordert, sorgen Projekte wie der Ausbau der Kinderbetreuungseinrichtungen, der Schulsozialarbeit und der Ganztagsschulen für einen steigenden Fachkräftebedarf. Ab der zweiten Jahreshälfte 2015 kam zudem die Fluchtmigration hinzu, die einen rasanten Bedarf an Beratern, Betreuern und Begleitern auslöste.

Mehr Akademiker

Immer mehr Erwerbstätige im Sozialwesen bringen einen akademischen Abschluss mit: Verfügten 2006 etwa 203.000 Angestellte über einen Hochschulabschluss, kletterte diese Zahl bis zum Jahr 2016 auf rund 326.000. Dabei richten sich viele Stellenangebote an Bachelorabsolventen. „Ein weiterführendes Studium ist zum Beispiel dann interessant, wenn jemand eine forschende oder konzeptionelle Tätigkeit anstrebt“, erklärt Susanne Lindner. Auch duale Studiengänge sind im Bereich Soziale Arbeit möglich.

Bedeutende Arbeitgeber sind der öffentliche Dienst, Wohlfahrtsverbände, konfessionsgebundene Arbeitgeber, aber auch Krankenhäuser und Kliniken. Jeder Vierte im Sozialwesen arbeitet in einer Heimeinrichtung, zum Beispiel für Kinder, Jugendliche, Menschen mit Behinderung oder Senioren. Ein weiteres Sechstel ist im öffentlichen Dienst angestellt. Hierzu zählen Sozialämter, Jugendämter oder die Sozialversicherungsträger. Jeder zehnte Sozialpädagoge übt eine Tätigkeit im Bildungswesen aus, beispielsweise als Schulsozialarbeiter in einer Ganztagesschule oder auch bei einem Bildungsbetrieb, der Angebote für benachteiligte Jugendliche oder Behinderte anbietet.

Absolventen und Studienanfänger

Die Zahl der Studierenden vor allem im Studienfach Soziale Arbeit nimmt seit 2005 kontinuierlich zu. Insgesamt waren im Wintersemester 2015/16 über 70.000 junge Menschen für ein Studium der Sozialen Arbeit (43.200), der Sozialpädagogik (7.670) oder des allgemeinen Sozialwesens (23.130) eingeschrieben. Das waren fünf Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Gleichzeitig steigen auch die Absolventenzahlen. Der Anteil der Bachelorabschlüsse lag im Sozialwesen bei 86 Prozent, so hoch wie in kaum einem anderen Studienbereich: „Im Sozialwesen gibt es anders als in manchen anderen Branchen viele Stellenangebote, die sich explizit an Bachelorabsolventen richten“, erklärt Susanne Lindner.

Weitere Informationen

BERUFENET

Das Netzwerk der Bundesagentur für Arbeit für Berufe mit über 3.000 ausführlichen Berufsbeschreibungen in Text und Bild (Suchwörter: Sozialarbeiter, Sozialpädagoge).
www.berufenet.arbeitsagentur.de

studienwahl.de

Infoportal der Stiftung für Hochschulzulassung in Kooperation mit der Bundesagentur für Arbeit. Hier kannst du im „Finder“ nach Studiengängen in ganz Deutschland suchen.
www.studienwahl.de

JOBBÖRSE der Bundesagentur für Arbeit

www.jobboerse.arbeitsagentur.de

KURSNET

Portal für Aus- und Weiterbildung der Bundesagentur für Arbeit. Hier kannst du insbesondere nach schulischen Ausbildungen suchen (Suchwort: Soziale Arbeit, Sozialpädagogik).
kursnet-finden.arbeitsagentur.de

BERUFETV

Das Filmportal der Bundesagentur für Arbeit
www.berufe.tv

abi>> Infomappen

Willst du wissen, welche Studienberufe es in diesem Bereich gibt? Dann schau mal in die abi>> Infomappe 13.2 Sozialwesen und Religion in deinem Berufsinformationszentrum (BiZ). Den Online-Katalog zur Auswahl interessanter Mappen gibt es unter
www.biz-medien.de/abi

Deutscher Berufsverband für Soziale Arbeit e. V. (DBSH)

Der DBSH bietet auch Informationen zu Studium und Fortbildung.
www.dbsh.de

Wissenschaftsladen Bonn e.V.

Unterhält einen Infodienst für Berufe in Bildung, Kultur und Sozialwesen. Jede Woche wird das aktuelle Stellenangebot ausgewertet.
www.wila-arbeitsmarkt.de/abo/abo-biku-beschreibung.html

Informationen rund um die Arbeit der Jugendämter

www.unterstuetzung-die-ankommt.de

 

Sozialarbeiter/Sozialpädagogen – Interview

Das richtige Studium!

Vom Stellenangebot über die Bezahlung bis hin zu Karriereoptionen: Der Arbeitsmarkt im Sozialwesen sieht gut aus, erklärt Gabriele Stark-Angermeier im abi>> Interview. Die zweite Bundesvorsitzende des Deutschen Berufsverbands für Soziale Arbeit e.V. (DBSH) betont aber auch, dass der Zugang ohne fachspezifisches Studium schwierig ist.

abi>> Frau Stark-Angermeier, der Arbeitsmarkt für Sozialpädagogen und Absolventen des Studiengangs Soziale Arbeit sieht seit Jahren sehr gut aus. Wo besteht der größte Bedarf?

Gabriele Stark-Angermeier: Zwischen 60 und 75 Prozent aller Stellen kommen aus der Kinder- und Jugendhilfe. In den vergangenen drei Jahren sind im Bereich der Asylarbeit viele Stellen geschaffen worden, vor allem in der Sozialberatung und Begleitung. Da die Anzahl der ankommenden Flüchtlinge aber wieder zurückgegangen ist, verändert sich die Situation. Viele dieser Stellen waren häufig auf drei Jahre befristet und laufen nun aus. Meist wird versucht, das Personal zu qualifizieren und in andere Bereiche zu vermitteln. Das funktioniert aber nur, wenn jemand zum Beispiel Soziale Arbeit studiert hat. Ohne den Abschluss ist es schwierig, dauerhaft angestellt zu werden.

abi>> Warum ist das Studium so wichtig für den Berufszugang?

Ein Porträt-Foto von Gabriele Stark-Angermeier

Gabriele Stark-Angermeier

Foto: privat

Gabriele Stark-Angermeier: Die meisten Stellenangebote richten sich an Absolventen der Studiengänge „Soziale Arbeit“ und „Sozialpädagogik“. Die Bezeichnungen der Studiengänge können je nach Bundesland und Hochschule ganz unterschiedlich sein – wichtig ist, dass der Studiengang eine staatliche Anerkennung beinhaltet. Das bedeutet, dass unter anderem ein 20-wöchiges Praktikum im Sozialwesen integriert ist und auch Rechtskenntnisse im Sozialwesen sowie Methodenlehre vermittelt werden. Dieses Wissen ist notwendig, wenn man später zum Beispiel im öffentlichen Dienst etwa im Kinder- und Jugendbereich tätig werden möchte.
Auch Universitäten bieten den Studiengang Sozialpädagogik an, jedoch ohne staatliche Anerkennung. (siehe Reportage „‚Verhandeln‘ zum Wohl der Kinder“) Das wirkt sich dann später auf den Zugang zum Arbeitsmarkt und auch auf den Verdienst und die Aufstiegsmöglichkeiten aus. Insofern ist der Abschluss wirklich wichtig! Man kann dieses 20-wöchige Praktikum auch nicht so einfach nachholen.

abi>> Werden die Verdienstmöglichkeiten häufig unterschätzt?

Gabriele Stark-Angermeier: Wir reden hier zwar nicht von hohen Managergehältern, aber die großen Arbeitgeber wie der öffentliche Dienst, die Wohlfahrtsverbände und konfessionsgebundene Arbeitgeber richten sich nach dem gemeinsamen Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst. Einsteiger können im Schnitt 2.700 Euro brutto verdienen, nach fünf Jahren liegen sie dann bei über 4.000 Euro. Häufig kommen Sonderleistungen hinzu. Über Weiterqualifizierungen kann man sich zudem auf eine Leitungsfunktion vorbereiten.

abi>> Warum sind Teilzeitstellen und befristete Stellen so weit verbreitet?

Gabriele Stark-Angermeier: Befristete Stellen hängen stark vom Arbeitsfeld ab. Oftmals geht es dabei um zeitlich begrenzte Projekte oder um Aufbaustellen. Da aktuell der Bedarf an Fachkräften hoch ist, gibt es aber auch sehr viele unbefristete Angebote.
Die Teilzeitfrage ist eine ganz andere und hängt oft mit den Bedürfnissen der Bewerber zusammen. Manche möchten nicht Vollzeit arbeiten, weil sie ein Hobby, ein Ehrenamt oder andere Interessen haben. Hinzu kommt, dass nach wie vor sehr viele Frauen im Sozialwesen tätig sind, die je nach Familiensituation ihre Stunden nach Bedarf runter- und wieder raufstufen. Natürlich nehmen auch Männer, die im Sozialwesen arbeiten, diese Option in Anspruch.

abi>> Warum verzeichnen Studiengänge im Sozialwesen, allen voran „Soziale Arbeit“, ein so deutliches Plus bei den Anfängerzahlen?

Gabriele Stark-Angermeier: Zum einen hat es sich herumgesprochen, dass die Verdienstmöglichkeiten nicht so schlecht sind wie oft behauptet. Zum anderen ist es ein sinnstiftendes Arbeitsfeld. Sich für Menschen und die Gesellschaft zu engagieren, ist für viele ein wichtiges Argument. Wenn man sich aus uneigennützigen Motiven für diesen Bereich entscheidet, muss man jedoch aufpassen, dass man sich nicht aufarbeitet.

 

abi>> Quiz

Was machen Sozialarbeiter?

Die Beschäftigungsmöglichkeiten von Sozialpädagogen und Sozialarbeitern sind vielfältig. Aber was machen sie genau? Teste dein Wissen im abi>> Quiz und finde die zutreffende Tätigkeit!

Foto: Swen Reichhold

 

Sozialarbeiter/Sozialpädagogen – Personalerstatements

Fachlichkeit mit Herz

Lust auf den Umgang mit Menschen – das sollte wohl jeder Sozialpädagoge und Sozialarbeiter mitbringen. Was Personalverantwortliche von Bewerbern sonst noch erwarten, verraten sie abi>>.

Dr. Alexander Dietrich, Personal- und Organisationsreferent der Landeshauptstadt München

Ein Porträt-Foto von Dr. Alexander Dietrich

Dr. Alexander Dietrich

Foto: privat

Der klassische Einstieg von Sozialpädagogen und Sozialarbeitern ist bei uns die Bezirkssozialarbeit. Unser Bedarf ist sehr hoch und daher schreiben wir mehrmals im Jahr Stellen aus. Die Bewerberinnen und Bewerber müssen keine Berufserfahrung mitbringen, denn wir haben zur Einarbeitung ein Berufseinsteigerprogramm, das gut auf die Arbeit in den Münchner Sozialbürgerhäusern vorbereitet.

Da wir wegen des schnellen Wachstums der Stadt auch in Zukunft einen hohen Bedarf an qualifiziertem Personal in diesem Bereich erwarten, wollen wir künftig selbst ein duales Studium anbieten. Zusätzlich zur externen Personalgewinnung planen wir daher, ab Herbst 2019 unser Ausbildungs- und Studienkonzept um den Studiengang „Soziale Arbeit“ zu erweitern. Dieses kombiniert ein theoretisches Studium mit praktischen Einsätzen in verschiedenen städtischen Dienststellen. Überwiegend im Sozialreferat, aber auch im Referat für Gesundheit und Umwelt oder im Referat für Bildung und Sport. Daneben erhalten sämtliche Studierende eine monatliche Unterhaltsbeihilfe, die Fahrkosten werden ihnen erstattet und die Studiengebühren von der Landeshauptstadt München getragen. Die Bewerbungsphase für diesen Studiengang beginnt voraussichtlich im Herbst 2018. Wenn uns der Stadtrat im Juli 2017 grünes Licht gibt, starten wir mit 15 bis 20 Studierenden pro Jahr.

Olaf Forkel, Mitglied der Geschäftsleitung bei der Rummelsberger Jugendhilfe

Ein Porträt-Foto von Olaf Forkel

Olaf Forkel

Foto: privat

Die tägliche pädagogische Arbeit in den Aufgabenbereichen der Rummelsberger Dienste ist so unterschiedlich wie spannend. Wir brauchen Mitarbeiter mit einer fundierten Ausbildung, die Lust haben, sich den jungen Menschen zu stellen, die unsere Angebote in Anspruch nehmen. Lust auf die Herausforderungen und die Haltung, jedes der Kinder sowie jeden Jugendlichen oder jungen Erwachsenen so anzunehmen, wie er zu uns kommt. Das ist für uns das wichtigste Kriterium bei der Auswahl eines geeigneten Bewerbers mit einem Abschluss in Sozialer Arbeit oder Sozialpädagogik. Wertschätzung und Respekt vor der Biografie und Lebensrealität des Gegenübers sind ebenfalls wichtig. Diese hohen Anforderungen sowie die individuelle Verantwortung gegenüber den Heranwachsenden sind Grundlage für jeden Dialog. Natürlich brauchen wir auch eine hohe Fachlichkeit, pädagogische Handlungsfähigkeit und nicht zuletzt ein fundiertes Wissen über die verschiedenen rechtlichen Grundlagen unserer Arbeit.

Und noch eins: Wer keinen Humor hat, wer nicht über sich selbst lachen kann, der hat es in der Sozialen Arbeit echt schwer. Das gilt in allen Einrichtungen – von der Kita über die ambulanten Dienste, von teilstationären bis zu den Intensivbetreuungsangeboten.

Dr. Alexander Skiba, Vorstandsmitglied der Stiftung Ecksberg (Arbeit und Betreuung für Menschen mit Behinderung)

Da die Studiengänge Soziale Arbeit und Sozialpädagogik doch sehr allgemein gehalten sind, achten wir darauf, dass Absolventen nicht als Neulinge in einem Bereich anfangen, sondern bereits erste Erfahrungen in der Arbeit mit behinderten Menschen mitbringen. Das können Praktika sein oder auch Schwerpunkte, die im Studium gesetzt wurden.

Bei Bewerbern, die in der direkten Betreuungsarbeit tätig werden möchten, ist uns neben der Fachlichkeit die Herzlichkeit ein ganz wichtiges Anliegen. Das haben wir auch in unserem Leitbild verankert.
Mit Blick auf den Studienabschluss ist in der direkten Betreuung, auch als Gruppenleiter oder -leiterin, ein Bachelorabschluss ausreichend. Wenn es aber in die Bereichsleitung geht, ist ein Master oder vergleichbarer Abschluss erwünscht.

 

Sozialpädagoge

Ein Haus für Kinder

Andreas Baraniak (35) leitet in Stellvertretung eine Einrichtung für die Betreuung von Kindern im Alter zwischen drei und zehn Jahren. An der Schnittstelle zwischen Kindern, Eltern, Mitarbeitern und Arbeitgeber muss er vielen Anforderungen gerecht werden.

Heute läuft im Haus der Kinder in der Waldschulstraße in München einiges anders als sonst. Es ist Girls'Day und Boys'Day, das heißt Schülerinnen und Schüler erhalten Einblick in für sie eher geschlechtsuntypische Berufsfelder. Zwei junge Männer schauen sich dabei den Beruf des Erziehers an: „Das ist natürlich auch für unsere Kinder abwechslungsreich“, sagt Andreas Baraniak. Der 35-Jährige ist Sozialpädagoge und arbeitet im Leitungsteam der Einrichtung. Da in Kürze eine Sanierung ansteht, werden aktuell „nur“ 70 Kinder betreut. Geöffnet hat das Haus von acht Uhr morgens bis 17 Uhr, wobei der Name „Haus der Kinder“ Programm ist. Wo es geht, wird nicht zwischen Kindergarten- und Hortkindern unterschieden. Brettspiele, Basteln und das Toben im Garten stehen allen gemeinsam offen.

Ein ganzes Bündel an Aufgaben

Ein Porträt-Foto von Andreas Baraniak

Andreas Baraniak

Foto: privat

Als stellvertretender Leiter sorgt Andreas Baraniak zusammen mit seiner Vorgesetzten dafür, dass alles reibungslos läuft – vom Personaleinsatz, der Versorgung mit gesundem Essen über Elternabende bis hin zu Elterngesprächen. Um sich die teure Stadt München leisten zu können, müssen oft beide Eltern Vollzeit arbeiten. Entsprechend viel Zeit verbringen manche Kinder in der Einrichtung. „Wir versuchen natürlich, möglichst viel von der Entwicklung des Kindes zu kommunizieren“, erklärt der Sozialpädagoge. Dazu gehört auch, dass er für eine gute Vernetzung etwa mit Beratungsstellen und Schulen sorgt.

An erster Stelle steht dabei das Wohl der Kinder. Um dies im Blick zu haben, ist er trotz Leitungsfunktion auch ganz normal in den täglichen Erzieherdienst eingebunden. Es gibt zwar einen fixen Tagesablauf – Zeiten für Hausaufgaben und Mittagessen sind festgelegt –, aber die Arbeit mit Menschen, gerade mit sehr jungen, ist trotzdem nicht vorhersehbar: „Wir sind immer einer gewissen Dynamik ausgesetzt, sowohl von Seiten der Kinder als auch von Seiten der Eltern. Darauf muss man sich einlassen können.“

Schließlich sollen die Kinder durch eigene Einsicht handeln. Und diese Einsicht bedingt oft ein Aushandeln: „Man hat als Erwachsener vielleicht nicht immer Recht und muss auch mal Kompromisse eingehen“, erklärt Andreas Baraniak. Dieses Austarieren bestimmt auch schon mal den Tagesablauf. „Was möglich ist, wird umgesetzt. Unsere Angebote wie Sport, Theater oder Musik sind stets freiwillig.“

Diese Dynamik ist genau das, was die Arbeit für Andreas Baraniak so spannend macht und ihm gut gefällt. Gleichzeitig ist es auch das, was seinen Job so anstrengend macht: „Es werden stets Erwartungen an mich gestellt, von Seiten der Eltern, der Mitarbeiter und des Arbeitgebers. Und natürlich auch von Seiten der Kinder. Es ist nicht immer einfach, für jeden eine individuell passende Lösung zu finden“, so der 35-Jährige.

Erst Ausbildung, dann Studium

Andreas Baraniak arbeitete einige Jahre als Erzieher, bevor er sich entschloss, Sozialpädagogik zu studieren: „Ich hatte viele Fragen, die zum Teil im Studium beantwortet wurden. Durch das Studium habe ich zudem viel über Teamarbeit und konzeptionelles Arbeiten gelernt“, erinnert sich der 35-Jährige. „Im Berufsalltag ist es wirklich wichtig, professionell zu beobachten und auch in Worte fassen zu können, wie sich zum Beispiel ein Kind entwickelt. Hilfreich war das Studium auch mit Blick auf das Ausarbeiten unserer pädagogischen Konzeption oder für das Verständnis von Teamprozessen.“

Erzieher ist er zunächst geworden, weil er gerne mit Menschen arbeiten und sein eigenes Geld verdienen wollte. „Studiert habe ich, weil ich mich verändern und auch weiterkommen wollte.“ Dass er zuerst die Ausbildung absolviert hat, sieht er heute als Vorteil: „So konnte ich viel gezielter studieren.“

 

Sozialpädagogin

„Verhandeln“ zum Wohl der Kinder

„Jedes Kind hat ein Recht auf eine eigene Persönlichkeit“. Das ist das Leitmotiv, das die Sozialpädagogin Keisha Brown (34) bei ihrer Arbeit im Jugendamt begleitet.

In Deutschland gibt es 563 Jugendämter, die für die Kinder- und Jugendhilfe in einem Landkreis oder in einer kreisfreien Stadt zuständig sind. Im Jugendamt Pirmasens ist Keisha Brown Ansprechpartnerin für Familien, Kinder und Jugendliche. Ihre Abteilung heißt „Allgemeiner Sozialer Dienst“ und deckt das gesamte Spektrum an Erziehungshilfen ab.

Wenn Kinder und Jugendliche die Schule schwänzen und Eltern keinen Zugriff mehr auf ihre Sprösslinge haben, suchen sie bei ihr Rat. Häufig beschäftigt sie sich außerdem mit dem Thema, wie Eltern den Umgang mit ihren Kindern nach einer Trennung gestalten können. Und auch Alleinerziehende, die einfach Betreuungsangebote benötigen, suchen die Beratungsstelle auf. Da der Familienalltag viele Lebensbereiche berührt, kennt Keisha Brown auch die Unterstützungsangebote im Gesundheitswesen, von Schulen und dem Jobcenter.

„Hilfe zur Selbsthilfe“

Nicht immer kommen die Ratsuchenden von alleine. Manchmal wird die Jugendamt-Mitarbeiterin von Lehrkräften oder Sozialarbeitern auf Probleme aufmerksam gemacht, in anderen Fällen kann auch mal ein Familiengericht entscheiden, dass ein Mitarbeiter des Jugendamtes hinter die Fassaden einer Familie blicken sollte. „Es gibt immer noch eine Hemmschwelle, sich Hilfe vom Jugendamt zu holen. Dabei geht es bei uns stets um Hilfe zur Selbsthilfe“, betont die 34-Jährige.

Erziehungsprobleme gibt es in allen sozialen Schichten. Daher hat Keisha Brown im Alltag mit ganz unterschiedlichen Menschen zu tun. Meistens handelt sie im Dialog mit Kindern, Jugendlichen und Eltern Lösungen aus, die für alle Beteiligten tragbar sind: „Die Herausforderung dabei ist, meine eigenen Erziehungserfahrungen zurückzustellen und mich auf die Sichtweise der jeweiligen Klienten einzulassen“, erzählt sie. Ganz wichtig sind daher Teamsitzungen mit ihren Kollegen, in denen sie sich austauschen kann.

Hilfreiche Dokumentation

Viele Probleme kann sie in ein, zwei Beratungsgesprächen klären: „Je nach Situation kann es aber auch notwendig sein, externe Fachkräfte hinzuzuziehen, etwa aus der Erziehungsberatung.“ Nicht immer finden die Gespräche in ihrem Büro statt: „Manchmal besuche ich die Familien auch zu Hause.“
Als Sozialarbeiterin ist sie dazu verpflichtet, ihre Arbeit zu dokumentieren. Das empfindet sie aber nicht als lästig, sondern eher als hilfreich: „Gerade wenn etwas Zeit zwischen den Gesprächen liegt, ist es eine gute Unterstützung, wenn man sich entsprechende Notizen gemacht hat.“

Bevor sie im Jugendamt anfing, hat sie Soziale Arbeit an der Rhein-Main Hochschule in Wiesbaden studiert und mit dem Bachelor of Arts abgeschlossen. „Vor und während des Studiums habe ich als Erzieherin in einer Wohngruppe für Mädchen gearbeitet. Ich wollte mich aber verändern, und so habe ich das Studium begonnen und mich dann für die Arbeit im Jugendamt entschieden“, erinnert sie sich.

Staatliche Anerkennung für den öffentlichen Dienst

Ohne ihr Studium könnte Keisha Brown die Arbeit nicht leisten: „Das Studium vermittelt viele rechtliche Hintergründe, die man einfach in der tagtäglichen Beratung benötigt.“ Hinzu kommen Methoden der Gesprächsführung sowie Wissen über die Entwicklungsphasen von Kindern und Jugendlichen. „Die Vielseitigkeit der Themen spiegelt sich auch in meinem Berufsalltag wieder. Die Abwechslung und der Kontakt zu den Menschen sind genau die Punkte, die ich an meiner Arbeit so sehr schätze“, erklärt sie.

Ein geregeltes Hochschulstudium im Bereich Sozialpädagogik, Soziale Arbeit und Sozialwesen ist aber noch aus einem anderen Grund wichtig: Wer wie Keisha Brown im öffentlichen Dienst arbeiten möchte, benötigt die staatliche Anerkennung. Das entsprechende Zeugnis wird in einigen Bundesländern automatisch mit dem Bachelor ausgehändigt; in anderen müssen Absolventen nach dem Studium noch eine berufspraktische Tätigkeit ableisten – meist ein sogenanntes „Anerkennungsjahr“. Erst danach ist es etwa möglich, Familien in einem Jugendamt zu beraten. Da die verschiedenen Regelungen zur staatlichen Anerkennung länderspezifisch sind, sollten sich Studieninteressierte und Studierende für nähere Informationen rechtzeitig direkt an die jeweiligen Hochschulen wenden.

 

Sozialarbeiter/Sozialpädagogen - Infografiken

Arbeitsmarkt Sozialarbeiter/Sozialpädagogen

Wie viele Studienanfänger gab es in den letzten Jahren bei den Sozialarbeitern? Wie viele Studierende bestanden die Abschlussprüfungen? Und wie hoch sind die Arbeitslosenzahlen? Verschaffe dir mit den abi>> Infografiken einen Überblick.

 

 

 


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Stand: 19.06.2018