Eine andere Welt
"Japan ist anders". Das hat Thi Thanh Mai Luong (21) festgestellt, als sie im Dezember 2009 an einem zweiwöchigen Austauschprogramm des Japanisch-Deutschen Zentrums Berlin teilgenommen hat, das aus den Mitteln des Kinder- und Jugendplan des Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend finanziert wird.
Zwischen rohem Tintenfisch und deutschen Druckmaschinen: Mai Luong hat während ihres Japanaufenthaltes viel erlebt.
Foto: Privat
Eine andere Erkenntnis, die die deutsche Auszubildende mit vietnamesischen Wurzeln im fernen Osten gewonnen hat: „Die japanischen Züge sind immer pünktlich.“ Aber während des zweiwöchigen Aufenthalts hat sie noch mehr gelernt: „In Japan sind die Unternehmen sehr hierarchisch aufgebaut, der Chef sagt, was gemacht werden muss, ohne Diskussion.“ Einblick in die japanische Arbeitswelt erhielt die 21-Jährige, die im zweiten Ausbildungsjahr zur Mediengestalterin Digital und Print ist, bei Vorträgen und Betriebsbesichtigungen. In einer Bäckerei durften die jungen Deutschen selbst anpacken und japanische Süßigkeiten herstellen – die dann aber nicht verkauft sondern selbst gegessen wurden. Auch in eine Druckerei bekam Mai Luong Einblick. „Da gab es eine deutsche Druckmaschine, die Arbeitsabläufe waren wie in Deutschland“, erinnert sie sich. „Das hätte ich nicht erwartet.“
Verhaltensregeln und Visitenkarten
Die 21-Jährige aus dem nordrhein-westfälischen Ibbenbüren hat durch einen Flyer von dem „Austauschprogramm für junge Berufstätige“ des Japanisch-Deutschen Zentrums Berlin erfahren. „Für andere Kulturen und Reisen habe ich mich schon immer interessiert“, begründet sie die Entscheidung, sich für eine Teilnahme zu bewerben. Sie hatte Glück und bekam einen der 22 Plätze.
Zwei Monate vor dem Abflug wurden Mai Luong und die anderen Teilnehmer in einem Vorbereitungsseminar in Berlin auf den Aufenthalt vorbereitet. „Wir haben erfahren, dass wir unbedingt Visitenkarten mitbringen müssen“, erzählt die Auszubildende. „Diese überreicht man mit beiden Händen und einer kleinen Verbeugung.“ Aber auch Verhaltensregeln wurden gelehrt: „Man muss in Privathaushalten die Schuhe ausziehen, und sollte ein Gastgeschenk mitbringen.“
Die ersten sechs Tage verbrachten die Deutschen in Tokyo. „Das war super“, erinnert sich Mai Luong. Aufgeteilt in drei Gruppen – administrative Berufe, soziale Berufe und verarbeitende Berufe – besuchten die jungen Leute unterschiedliche Firmen und hörten Fachvorträge an. Japanischkenntnisse waren dafür nicht nötig – für jeden Programmpunkt gab es einen Dolmetscher. Zur Stärkung des Teamgeists ging es dann für einige Tage nach Wakasa in die Präfektur Fukui. „Von der Metropole Tokyo direkt ins Paradies“, meint Mai Luong. „Das war Natur pur.“ Die Gruppe fuhr mit einem Fischkutter aufs Meer und schaute den Fischern beim Einholen der Netze zu. „Der Tintenfisch wurde uns dann gleich roh serviert, als Sashimi“, erinnert sich die Deutsche. „So frischen Fisch hatte ich noch nie gegessen.“
Vergleich der Bildungssysteme
Kontakt mit jungen japanischen Berufstätigen hatten die Programmteilnehmer bei einem Wochenendseminar. In Diskussionsrunden wurden die Bildungssysteme der beiden Länder verglichen und über die „Bedeutung der Arbeit“ gesprochen. In Rollenspielen zeigten die deutschen Teilnehmer den japanischen Austauschpartnern, wie in Deutschland Weihnachten gefeiert wird und was es mit dem Sandmann auf sich hat. Höhepunkt des Austauschprogramms war dann der Aufenthalt bei einer japanischen Gastfamilie. Mai Luong brachte als Gastgeschenk unter anderem einen Baumkuchen und eine Mundharmonika mit. „Mein Gastvater konnte sofort darauf spielen“, erzählt sie beeindruckt.
Zum Abschluss machte die Gruppe dann noch einen Abstecher nach Kyoto, bevor es wieder zurück nach Deutschland ging. Für Mai Luong haben sich die Reise und die 650 Euro Eigenanteil auf jeden Fall gelohnt. Auch wenn sie dafür zwei Wochen ihres Urlaubs geopfert hat. „Ich habe so viel erlebt, das ist eigentlich unbezahlbar“, meint sie. Sie plant nun, die selbst beigebrachten Japanischkenntnisse zu vertiefen und dann in einigen Jahren noch einmal nach Japan zu fliegen: „Allein in Kyoto und Tokyo gibt es noch so viel zu entdecken.“
Deutsch-japanisches Austauschprogramm für junge Berufstätige
Zielgruppe des Programms sind junge Berufstätige und Auszubildende zwischen 18 und 30 Jahren, die damit Gelegenheit erhalten, die Arbeits- und Lebenswelt des Partnerlandes kennen zu lernen. Das Programm wird aus Mitteln des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und auf japanischer Seite aus Mitteln des Ministeriums für Bildung, Kultur, Sport, Wissenschaft und Technologie finanziert. Für Koordination und Durchführung des Programms ist das Japanisch-Deutsche Zentrum Berlin (JDZB) zuständig, seit 2005 in Zusammenarbeit mit dem Landesjugendring Thüringen e. V. (LJRT), auf japanischer Seite ist ein landesweiter Träger der Jugendarbeit verantwortlich.





