Fremdsprachen und globales Know-how
Die Arbeitswelt wird zunehmend internationaler. Viele Unternehmen operieren auch im Ausland, entsprechend ausgebildetes Personal ist gefragt. Unterstützung bieten Firmen und Organisationen bereits ihren Azubis, mit einer Vielzahl an attraktiven Programmen.
Ausbildung im Ausland - spannend und gut für den Lebenslauf.
Foto: WillmyCC
Vier Wochen ihrer Ausbildung hat Susanne Stötzel (21) in Mittelamerika verbracht. Als angehende Kauffrau für Bürokommunikation beim weltweit tätigen Bayer-Konzern in Leverkusen nutzte sie die internen Möglichkeiten und arbeitete einen Monat lang bei der Bayer Central America S.A. in Costa Rica. Dort analysierte sie unter anderem Werbedaten in der Marketingabteilung. Die Eindrücke wirken noch nach. „Obwohl die Arbeitsabläufe ähnlich sind, war es etwas völlig anderes, den Alltag in einem fremden Land zu erleben.“
Einsatz in Costa Rica
Die Idee für den Auslandseinsatz hatte sie schon im ersten Lehrjahr. „Ich erfuhr von einer Kollegin, die gerade bei Bayer Costa Rica gearbeitet hatte, dass dort für den Sommer 2009 noch Verstärkung gesucht würde.“ Um den Platz zu bekommen, musste sie ein Bewerbungsschreiben mit Lebenslauf nach Costa Rica schicken – beides auf Spanisch. Das „Vorstellungsgespräch“ wurde per E-Mail abgehalten. Die Entscheidung fiel zu ihren Gunsten, alles weitere lief wie von selbst. „Die Firma hat meine Unterkunft organisiert und die Kosten getragen“, erklärt Susanne Stötzel.
Wieder zurück in Leverkusen, beendete sie ihre Ausbildung und macht derzeit eine Fortbildung zur Fachkauffrau für Büromanagement. Auf ihre Zeit im Ausland ist sie stolz: „Die Erfahrung hat mich beruflich wie persönlich weitergebracht. Ich konnte mein Spanisch verbessern und weiß nun, wie die Kollegen in Mittelamerika arbeiten.“
Auch auf Unternehmensseite schätzt man das international qualifizierte Personal. „Auszubildende, die zeitweise an einem unserer ausländischen Standorte gelernt haben, können die Abläufe im Konzern besser beurteilen“, weiß Carmen Wittorf. Sie koordiniert die Auslandseinsätze in der kaufmännischen Berufsausbildung der Currenta GmbH & Co. OHG, einer Tochtergesellschaft von Bayer und Lanxess, und schickt rund 20 Auszubildende pro Jahr auf Reisen.
Aufgestockte Fördermittel
Neben firmeninternen Programmen können Auszubildende auch zahlreiche Angebote verschiedener Organisationen nutzen, die eine internationale Zusammenarbeit fördern. Das wohl bekannteste Programm ist „Leonardo da Vinci“ der EU. Es wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) unterstützt; die nationalen Mittel wurden im Jahr 2010 um rund drei Millionen Euro aufgestockt – eine Verdreifachung im Vergleich zum Vorjahr. „Auf diese Weise sollen gezielt Auslandseinsätze während der betrieblichen oder schulischen Erstausbildung gefördert werden“, erklärt Berthold Hübers von der Nationalen Agentur „Bildung für Europa“ beim Bundesinstitut für Berufsbildung (NA beim BIBB), die in Deutschland für die Umsetzung des Programms zuständig ist. 2010 haben mehr als 11.500 Azubis von diesem Programm profitiert.
Auch andere staatlich geförderte Organisationen verzeichnen positive Tendenzen, etwa die InWEnt – Internationale Weiterbildung und Entwicklung gGmbH in Bonn, die seit 1.1.2011 in der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) aufgegangen ist. „Die Statistiken der vergangenen Jahre zeigen, dass immer mehr Azubis an unseren Bilateralen Programmen teilnehmen“, sagt Martina Keppeler, zuständig für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.
Insgesamt verbringen, nach Angaben der Nationalen Agentur „Bildung für Europa“, rund zwei Prozent der Azubis einen Teil ihrer Ausbildung im Ausland. 2006 lag der Anteil noch bei einem Prozent. Die meisten Austauschprogramme laufen über den jeweiligen Ausbildungsbetrieb, der den Antrag stellen muss. Aber es gibt mittlerweile Ausnahmen. So bietet das Leonardo da Vinci-Projekt ein bestimmtes Kontingent an Plätzen, für die sich Azubis direkt bewerben können (siehe Interview). Mit dem Betrieb oder der Berufsfachschule muss das Vorhaben natürlich dennoch abgestimmt werden.
Aber egal ob firmenintern oder durch eine Organisation vermittelt: Seit der Erneuerung des Berufsbildungsgesetzes im Jahr 2005 können Auslandsaufenthalte auf die Ausbildung angerechnet werden. Bis zu einem Viertel der Ausbildung können inzwischen im Ausland verbracht werden, ohne dass sich die Ausbildungszeit verlängert. In Bezug auf die Berufsschule gilt: Befreiungen sind für einen Zeitraum bis drei Wochen möglich, längere Freistellungen kommen dann infrage, wenn Berufsschule, Ausbildungsbetrieb und die zuständige Kammer (also beispielsweise IHK oder HWK) zustimmen.
Komplett im Ausland ausgebildet
Bei manchen Berufen ist ein Auslandsaufenthalt auch fester Bestandteil der Ausbildung, etwa bei den Abiturientenausbildungen zum Eurokaufmann beziehungsweise zur Eurokauffrau oder zum Internationalen Marketingassistenten. Bei anderen ist es sogar möglich, die gesamte Lehrzeit im Ausland zu verbringen. So bieten vor allem die deutschen Außenhandelskammern bilinguale Ausbildungen an, die in enger Kooperation mit Institutionen im Ausland organisiert sind. Sie münden in der Regel in einen Doppelabschluss, der in beiden Ländern anerkannt ist.
Wer mit dem Gedanken spielt, eine Ausbildung komplett im Ausland zu absolvieren – unabhängig von den bilingualen Ausbildungen der Außenhandelskammern – muss sich darüber bewusst sein, dass das deutsche System der betrieblichen Berufsausbildung mit dem regelmäßigen Wechsel zwischen beruflicher Praxis in Betrieben und theoretischem Unterricht in der Berufsschule in dieser Form in Europa nur noch in der Schweiz und Österreich existiert. Die Systeme der beruflichen Ausbildung sind sehr unterschiedlich und auch das Niveau kann sehr unterschiedlich ausfallen. Oft ist deshalb eine formelle EU-weite Anerkennung national erworbener Berufsabschlüsse nicht möglich. Bevor man sich für eine komplette Ausbildung im Ausland entscheidet, sollte man sich deshalb gründlich informieren, beispielsweise bei der Berufsberatung der Agenturen für Arbeit.






