Kreativität und Technik vereint: das Handwerk

Kaffee und Kuchen in Auslage
Der Konditor ist nur einer von zahlreichen Lehrberufen in der Handwerksbranche.
Foto: Martin Rehm

Abiturienten im Handwerk

Kreativität und Technik vereint: das Handwerk

Mit Holz, Metall, Lebensmitteln, Stoff, Leder, Glas oder Papier, mit dem Computer, mit Kunden und für Kunden arbeiten: Das Handwerk hat mit über 130 Berufen aus unterschiedlichen Bereichen und Tätigkeitsfeldern eine große Spannbreite zu bieten. Die Vielfalt, der technische Fortschritt und die guten Aufstiegschancen der Branche machen das Handwerk auch für Abiturienten interessant.

Julia Goffin hat ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht. Die 21-Jährige macht eine Ausbildung zur Konditorin in einem traditionellen Familienbetrieb. „Ich habe schon immer gerne gebacken, anfangs nur für Freunde“, erzählt sie. „Nach dem Abitur habe ich mich dann gefragt, wofür ich mein Leben lang jeden Morgen gerne aufstehen würde. Da ist mir die Idee mit der Konditorlehre gekommen.“

Ein Porträt Foto von Julia Goffin

Julia Goffin

Foto: privat

Aufstehen muss die angehende Konditorin besonders früh: Unter der Woche beginnt der Arbeitstag um 6 Uhr, samstags um 5 Uhr. „Wir stellen erst die alltäglichen Gebäcke wie Teilchen und Hefehörnchen her, die morgens zum Frühstück in der Auslage liegen müssen“, erzählt Julia Goffin, die sich im zweiten Ausbildungsjahr befindet. „Danach kommen – je nach Saison – verschiedene Torten und Kuchen an die Reihe. Außerdem backen wir für Aufträge Hochzeits-, Tauf- oder Kommunionstorten.“ Die abwechslungsreiche Arbeit im Handwerk macht der Abiturientin großen Spaß. „Mir gefällt die lockere Art im Handwerk“, meint sie. „Für mich wäre ein Bürojob nichts. Es ist schön, am Ende des Tages Ergebnisse der eigenen Arbeit in der Hand zu halten.“

Die Hochschulreife ist für die Konditorausbildung keine Voraussetzung, bringt aber dennoch Vorteile mit sich: „Die Berufsschule fällt mir schon leichter, weil ich mir in der Schule angeeignet habe, wie man am besten lernt und ich vieles schon kenne“, findet Julia Goffin und schildert, worauf es als Konditorin ankommt: „In meinem Beruf muss man sich einiges merken: Wie sieht welche Torte aus? Welche Füllungen gibt es? Ansonsten sollte ein gewisses Maß an Geschicklichkeit vorhanden sein, um auch filigranere Arbeiten durchführen zu können. Man muss sich kreativ neue Ideen ausdenken können und sollte vor allem Spaß am Backen und Dekorieren haben.“

Nach ihrer Ausbildung möchte sie ins Ausland gehen, dort arbeiten und Erfahrungen sammeln, um dann einen lang gehegten Wunsch wahr zu machen: „Mein Kindheitstraum ist es, ein eigenes Café zu eröffnen.“

Mehr Abiturienten im Handwerk

Dass Abiturienten wie Julia Goffin sich für eine Ausbildung im Handwerk entscheiden, kommt immer häufiger vor, weiß Ralf Beckmann vom Team Arbeitsmarktberichterstattung der Bundesagentur für Arbeit: „Die Zahl der Abiturienten, die eine Ausbildung im Handwerk absolvieren, ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Trotzdem ist ihre Zahl noch vergleichsweise gering – 2015 entfiel nur jeder achte Ausbildungsvertrag im Handwerk auf einen Abiturienten.“ Unter den gesamten Ausbildungsanfängern hat vergleichsweise mehr als jeder Vierte Abitur.

Für die meisten Handwerksberufe reicht formal die Mittlere Reife oder der Hauptschulabschluss aus, um eine Lehrstelle zu bekommen. In manchen Gewerken finden sich aber auch viele Auszubildende mit Hochschulreife. „Die Betriebe können selbst entscheiden, ob sie jemanden mit Abitur möchten oder nicht“, erläutert Axel Rosenau von der Agentur für Arbeit in Hannover. „Oftmals ist jedoch die Motivation für die Ausbildung, die sich in bereits absolvierten Praktika oder privaten Hobbies zeigt, wichtiger als die Noten. Im Handwerk sind je nach Beruf eher technisches Grundverständnis, Kundenorientierung oder Geschicklichkeit gefragt.“

Dabei haben sich viele Berufsbilder im Handwerk durch die Digitalisierung und den vermehrten Einsatz von Computern stark gewandelt: „Die Kfz-Mechaniker heißen heute Kfz-Mechatroniker. Anstatt am Auto zu schrauben, wird heute erst einmal der Bordcomputer ausgelesen, um Probleme zu finden“, führt der Teamleiter aus Hannover als Beispiel an. „Auch in anderen Berufen, wie Fotograf oder Hörakustiker, spielen PC-Kenntnisse eine immer größere Rolle.“

Selbstverwirklichung und Karriere

Ein Porträt-Foto von Axel Rosenau

Axel Rosenau

Foto: privat

Gründe, mit Abitur eine Ausbildung im Handwerk zu beginnen, gibt es viele. „Einige Abiturienten reizt es, durch das Handwerk in künstlerischen Berufen zu arbeiten, etwa als Fotograf, Masken- oder Bühnenbildner“, erläutert Axel Rosenau. „In vielen Handwerksberufen kann man seine kreativen Talente sehr gut ausleben.“ Andere Schüler wollen erst praktische Erfahrungen sammeln, bevor sie an ein Studium denken. „Als Abiturient gibt es viele Möglichkeiten, im Handwerk Karriere zu machen“, weiß der Experte der Agentur für Arbeit. „Es gibt Zusatzqualifikationen wie den Betriebsassistenten im Handwerk, der kaufmännische Kenntnisse vermittelt.“ Auch der Technische Betriebswirt im Handwerk verbindet handwerkliches und technisches Know-how mit dem kaufmännischen Bereich.

Der klassische Weg für Absolventen einer handwerklichen Ausbildung, die Führungsverantwortung übernehmen oder sich selbstständig machen wollen, führt über die Meisterweiterbildung. In dieser vertiefen die Teilnehmenden nicht nur ihr Fachwissen, sondern eignen sich auch Kenntnisse aus den Bereichen Betriebswirtschaft, Recht und Arbeitspädagogik an. Mehr über die Meisterqualifikation sowie über weitere Aufstiegsweiterbildungen wie Fachwirt oder Techniker erfährst du im Beitrag „Dank Weiterbildung auf Bachelor-Niveau“.

„Abiturienten können nach der Ausbildung auch ein Studium anschließen, wie etwa ein Elektriker, der später noch Elektrotechnik studiert. Es gibt sogar Angebote für duale oder triale Studiengänge. Hier werden Ausbildung und Studium oder sogar Ausbildung, Studium und Meisterprüfung kombiniert absolviert“, ergänzt Axel Rosenau.

Sind die dualen Studiengänge meist fachlich orientiert, kombiniert die triale Qualifikation die handwerkliche Ausbildung mit dem Meistertitel und dem Bachelor in Handwerksmanagement. Da es sich um ein recht neues Studienmodell handelt, ist die Anzahl der Anbieter noch sehr übersichtlich. Bisher wird das triale Studium Handwerksmanagement nur von der Fachhochschule des Mittelstands in Zusammenarbeit mit den Handwerkskammern zu Köln, Hannover und Schwerin sowie von der Hochschule Niederrhein in Kooperation mit verschiedenen regionalen Partnern durchgeführt. In dieser anspruchsvollen und nur mit viel Fleiß und Arbeitsorganisation zu bewältigenden Ausbildung werden die Azubis innerhalb kürzester Zeit darauf vorbereitet, selbst einen Betrieb zu leiten.

Eigener Chef

Die Übernahme eines Betriebs ist dabei eine durchaus realistische Möglichkeit. „Laut Zentralverband des Deutschen Handwerks sucht etwa jeder vierte Betriebsinhaber derzeit einen Nachfolger“, berichtet Ralf Beckmann. Axel Rosenau ergänzt: „In fünf bis zehn Jahren gibt es etwa 200.000 Betriebe ohne Nachfolger. Mit einer Ausbildung im Handwerk hat man also exzellente Entwicklungsmöglichkeiten.“

Die Chancen, eine Lehrstelle zu bekommen, sind ebenfalls sehr hoch. „Immer mehr Unternehmen klagen über Nachwuchsmangel. So blieben 2016 rund 14.000 gemeldete Ausbildungsstellen im Handwerk unbesetzt“, berichtet Ralf Beckmann. Bei 130 handwerklichen Berufen und zahlreichen Weiterqualifizierungsangeboten gibt es viele verschiedene Möglichkeiten, um ans Ziel zu kommen. „Jeder kann den speziellen Weg für sich finden“, ist sich Axel Rosenau sicher.

Weitere Informationen

BERUFENET

Das Netzwerk für Berufe der Bundesagentur für Arbeit mit über 3.000 ausführlichen Berufsbeschreibungen in Text und Bild. (Suchwort: z.B. Handwerk)
www.berufenet.arbeitsagentur.de

KURSNET

Das Portal für Aus- und Weiterbildung der Bundesagentur für Arbeit. Hier kannst du insbesondere nach schulischen Ausbildungen suchen.
kursnet-finden.arbeitsagentur.de

JOBBÖRSE der Bundesagentur für Arbeit

www.jobboerse.arbeitsagentur.de

studienwahl.de

Infoportal der Bundesländer in Kooperation mit der Bundesagentur für Arbeit. Über den „finder“ kannst du gezielt nach ausbildungsintegrierenden Studiengängen suchen.
www.studienwahl.de

Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB)

www.bibb.de

AusbildungPlus

Bundesweiter Überblick über Ausbildungsangebote mit Zusatzqualifikation und duale Studiengänge www.ausbildungplus.de

Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH)

www.zdh.de

Zentralstelle für die Weiterbildung im Handwerk

https://zwh.de

Berufsprofile im Handwerk

Informative Website des Deutschen Handwerkskammertags (DHKT) e.V.
www.handwerk.de

Handfest-Online

Jugendmagazin des Handwerks im Internet
www.handfest-online.de

Handwerk4you.net

Handwerksberufe von A bis Z

www.handwerk4you.net

 

Abiturienten im Handwerk – Berufsübersicht

Vielfältiges Handwerk

abi>> listet eine Auswahl an Handwerksberufen auf, die für Abiturienten besonders interessant sind.

Betriebsassistent/in – Handwerk

  • Aufgaben: Schnittstellenfunktion zwischen technischen und kaufmännischen Bereichen in Handwerksbetrieben.
  • Mögliche Arbeitgeber: Handwerksbetriebe unterschiedlicher Wirtschaftsbereiche

Bootsbauer/in

  • Aufgaben: Bau, Reparatur und Wartung von Booten und Schiffen sowie Einbau, Reparatur und Wartung elektronischer Geräte und Einrichtungen in Booten
  • Mögliche Arbeitgeber: Bootsbau- und Reparaturwerkstätten, Bootswerften, Zuliefererbetriebe

Brauer/in und Mälzer/in

  • Aufgaben: Herstellung verschiedener Biersorten sowie Biermisch- und Erfrischungsgetränken.
  • Mögliche Arbeitgeber: Brauereien und Mälzereien, Hersteller von Bier- und Hefeextrakt, Hersteller von nichtalkoholischen Getränken

Goldschmied/in

  •  Aufgaben: Enwerfen, Gestalten und Reparieren von Schmuck- oder Gebrauchsgegenständen aus Edelmetall
  •  Mögliche Arbeitgeber: Gold- und Silberschmiedewerkstätten, Juweliere, Betriebe der Schmuckindustrie, Schmuckdesignateliers

 Hörakustiker/in

  • Aufgaben: Durchführung von Hörtests, Kundenberatung sowie Herstellung, Anpassung und Instandhaltung von Hörsystemen
  • Mögliche Arbeitgeber: Betriebe des Hörakustiker-Handwerks, industrielle Hersteller von Hörsystemen

Konditor/in

  • Aufgaben: Herstellen von Torten und Kuchen, Pralinen, Konfekt, Marzipan- und Zuckererzeugnisse, Salz-, Käse- und Dauergebäck sowie Speiseeis.
  • Mögliche Arbeitgeber: Konditoreien, Confiserien, Cafés oder Bäckereien mit Feinwarensortiment sowie im Patisseriebereich großer Hotels und Restaurants

Maßschneider/in

  • Aufgaben: Anfertigen von Kleidungsstücken nach eigenen Entwürfen oder den Wünschen der Kunden
  • Mögliche Arbeitgeber: Maß- und Änderungsschneidereien, Kostümabteilungen von Theatern, Filmstudios oder Fernsehanstalten, Bekleidungshäuser mit Änderungsdienst

Orthopädietechnik-Mechaniker/in

  • Aufgaben: Versorgung von Patienten mit orthopädietechnischen Hilfsmitteln. Erstellen von künstlichen Gliedmaßen, Schienen und Bandagen, Montierung und Anpassung von Gehilfen und Rollstühlen
  • Mögliche Arbeitgeber: Orthopädietechnik- und Rehawerkstätten, Sanitätshäuser

Tischler/in

  • Aufgaben: Hersteller von Möbeln, Holzwaren oder Holzkonstruktionsteilen sowie im Tischlerhandwerk
  • Mögliche Arbeitgeber: Herstellen von Möbeln, Türen und Fenster aus Holz und Holzwerkstoffen her oder führen Innenausbauten durch. Meist handelt es sich dabei um Einzelanfertigungen.

 Zahntechniker/in

  • Aufgaben: Anfertigung und Reparatur von Zahnersatz sowie zahn- und kieferregulierenden Geräten
  • Mögliche Arbeitgeber: zahntechnische Labors, Labors von Zahnarztpraxen, Zahnkliniken

 

Abiturienten im Handwerk – Checkliste

Handwerk ist uncool?

Es gibt viele Vorurteile über die Arbeit als Handwerker. abi>> hat sie gesammelt und nachgefragt, ob sie wirklich stimmen. Dabei zeigt sich, dass viele Vorstellungen über das Handwerk veraltet sind.

Handwerk ist uncool

„Dieses Vorurteil hören wir in der Berufsberatung immer wieder“, erzählt Axel Rosenau von der Agentur für Arbeit Hannover. „Dabei stimmt das nicht: Im Handwerk kann man sehr kreativ arbeiten und seine Talente entfalten. Hier wird vielfach noch individuell gefertigt und keine Massenware hergestellt. Das Handwerk bietet Zugang zu vielen künstlerischen Berufen, wie Maskenbildner (über eine Friseurausbildung), Bühnenmaler oder Fotograf. Außerdem hat man beste Entwicklungschancen. Es gibt viele Möglichkeiten, sich weiterzubilden und zu qualifizieren. Wer hinterher noch studieren möchte, hat mit einer Handwerksausbildung schon praktische Erfahrung gesammelt.“

Handwerk ist perspektivlos

Keine Entwicklungschancen im Handwerk? „Im Gegenteil“, meint Axel Rosenau. „Die Handwerker suchen dringend qualifizierten Nachwuchs, der als Nachfolger den Betrieb übernehmen kann. Wer heute eine Lehre im Handwerk anfängt und sich mit einem Meistertitel, einem Studium oder einer anderen zusätzlichen Qualifikation empfiehlt, hat sehr gute Chancen, einmal selbst einen Betrieb zu übernehmen und zu führen.“

Handwerk ist schmutzig

Matschige Baustellen, Öl an den Händen oder dreckige Arbeitskleidung: Die Vorstellung vom Handwerker, der abends schmutzig von der Arbeit nach Hause kommt, ist immer noch verbreitet. „Viele Berufsbilder haben sich aber stark verändert“, meint der Teamleiter der Arbeitsagentur. „War der Schornsteinfeger früher der Experte fürs Kaminkehren mit schwarzem Anzug und Kugel, kommt er heute meist im Blaumann und mit zahlreichen Messgeräten ins Haus. Auch der Kfz-Mechatroniker ist nicht mehr der Kfz-Mechaniker von früher. Hier spielen Digitalisierung und Computer eine immer größere Rolle.“

Handwerk ist körperliche Schwerstarbeit

„Dass Handwerk nur aus körperlicher Arbeit besteht, ist so nicht richtig“, weiß Axel Rosenau. „Vielmehr sind je nach Berufssparte Kreativität, technisches Verständnis, Fingerspitzengefühl oder ein guter Umgang mit Menschen gefragt. Durch die Digitalisierung haben viele Berufsbilder zudem heute einen anderen Schwerpunkt als früher.“

Handwerk ist schlecht bezahlt

Harte Arbeit für wenig Geld? „Auch dieses Vorurteil ist nicht haltbar“, sagt der Berufsberater. „Den Handwerksbetrieben geht es in der derzeitigen konjunkturellen Lage sehr gut. Sie haben hohe Einnahmen und bezahlen in der Regel auch ihre Mitarbeiter vernünftig.“

 

Tischler

Geselle, Meister, Bachelor

Drei Abschlüsse in fünf Jahren: Die triale Ausbildung als Tischler mit dem Gesellenbrief, dem Meistertitel und dem Bachelorabschluss in Handwerksmanagement fordert viel von Anton Mavric (21). Ohne Ehrgeiz, Durchhaltevermögen und große Lernbereitschaft ist diese Herausforderung nicht zu schaffen.

Anton Mavric wird es so schnell nicht langweilig. Der 21-Jährige absolviert eine triale Tischlerausbildung in der Tischlerei „Thomas Klode Raumkonzepte“ in Düsseldorf und an der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach. Neben der Arbeitszeit im Betrieb und der Berufsschule besucht er freitagabends und samstags Vorlesungen für den Bachelorabschluss. „Man muss richtig Lust darauf haben“, meint der Auszubildende im zweiten Jahr. „Am Anfang hat es schon Überwindung gekostet, sich nach einem Arbeitstag noch zum Lernen an den Schreibtisch zu setzen, aber man gewöhnt sich daran.“

Leidenschaft für Holz

Ein Porträt-Foto von Anton Mavric

Anton Mavric

Foto: Klode Raumkonzepte

Nach dem Realschulabschluss wusste Anton Mavric noch nicht, was er werden wollte. Deshalb führte ihn der Weg zunächst in die USA, wo er bei einer Gastfamilie auf einer Farm lebte. In Michigan werkelte er am Wochenende oftmals mit Holz. „Das hat mir viel Spaß gemacht“, berichtet er. „Danach habe ich in Deutschland meine fachgebundene Hochschulreife in der Fachrichtung Holztechnik gemacht und bei einem Praktikum meinen jetzigen Ausbildungsbetrieb kennengelernt.“ Zusammen mit seinem Chef hat Anton Mavric dann beschlossen, die Herausforderung triale Ausbildung zu wagen. „Ich habe nichts zu verlieren“, meint er. „Nach zweieinhalb Jahren habe ich meinen Gesellenbrief. Dann sehe ich weiter. Aber es hat schon einen großen Reiz, etwas so Außergewöhnliches zu machen.“

Im Betrieb wird er als Auszubildender langsam an die Arbeiten als Tischler herangeführt. „Im ersten Lehrjahr fuhr ich auch schon mit auf Montage und half den Gesellen. Zunächst durfte ich nur leichte Arbeiten mit Handmaschinen durchführen. Dann gibt es verschiedene Maschinenlehrgänge, die man absolvieren muss, um die Berechtigung zur Benutzung der größeren Maschinen zu bekommen“, erzählt er. „Die Arbeiten, die man dann übernehmen darf, werden immer anspruchsvoller. Man bekommt zunächst kleinere und später größere eigene Projekte zugeteilt.“

Kaufmännische Theorie

Anton Mavric besucht eine Berufsschule, in der nur Abiturienten unterrichtet werden. Neben technischen Fächern, Zeichnen und Werkstoffkunde, auch für andere Materialien, stehen Business English und Rechnungswesen auf dem Stundenplan. „Die Fächer gehören zur Zusatzqualifikation zum Betriebsassistenten, die wir Abiturienten absolvieren. Hier gibt es einige Überschneidungen zu meinen Studienfächern“, erklärt er.
An der Hochschule dreht sich alles um Wirtschaft und Handwerk. Fächer wie BWL, Rechnungswesen oder Soziologie sollen den späteren Bachelorabsolventen in Handwerksmanagement das Rüstzeug vermitteln, um selbst einen Betrieb zu leiten. „Besonders hilfreich fand ich das Fach Zeitmanagement“, erzählt Anton Mavric. „Das hilft mir bei der Organisation meines Alltags sehr.“

Genauigkeit und Ehrgeiz

Um die triale Ausbildung als Tischler erfolgreich abschließen zu können, muss man laut Anton Mavric einige Anforderungen erfüllen: „Als Tischler sollte man genau arbeiten können, geduldig sein sowie räumliches und technisches Verständnis haben. Auch eine gewisse Geschicklichkeit kann nicht schaden, die Handgriffe übt man aber in der Ausbildung“, erzählt er. „Für die triale Ausbildung sollte man außerdem noch Ehrgeiz, Durchhaltevermögen und große Lernbereitschaft mitbringen. Interesse ist die wichtigste Voraussetzung.“

Nach der zweieinhalbjährigen Ausbildung folgt für Anton Mavric ein Gesellenjahr, bevor er ein Jahr die Meisterschule besucht. Das Studium an der Hochschule läuft dabei parallel weiter. Nach Gesellenbrief und Meistertitel schreibt er seine Bachelorarbeit und bekommt nach fünf Jahren Studium seinen Bachelorabschluss. „Mein großer Wunsch ist es, einmal selbst einen Betrieb zu gründen oder zu übernehmen“, verrät Anton Mavric. „In der trialen Ausbildung lerne ich alles, was ich dafür brauche. Mit Ausbildung im Betrieb und Meistertitel bin ich fachlich qualifiziert – die nötigen betriebswirtschaftlichen Kenntnisse vermittelt mir das Studium.“

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Tischler

Typischer Tagesablauf

Anton Mavric (21) absolviert eine Ausbildung zum Tischler. Besonders reizvoll findet er es, dass kein Tag wie der andere ist, sondern ständig neue Herausforderungen auf ihn warten. Für abi>> versucht er dennoch, einen typischen Arbeitstag zu schildern.

7.30 Uhr

Zum Arbeitsbeginn muss die Werkstatt aufgeräumt und Müll beseitigt werden.

8 Uhr

Anton Mavric unterstützt die Gesellen bei der Arbeit in der Werkstatt mit Schleifarbeiten und arbeitet an seinem eigenen Projekt weiter: Er verleimt Kästen.

10 Uhr

Frühstückpause

10.30 Uhr

Der Auszubildende übernimmt eine Besorgungsfahrt und fährt zu einer Glaserei. Dort holt er einen Spiegel, der auf einer Schranktür befestigt wird, ab. Zurück in der Werkstatt leistet er den Gesellen Hilfestellung bei laufenden Projekten.

13 Uhr

Mittagspause

13.30 Uhr

Mit den Gesellen fährt der 21-Jährige auf eine Baustelle. Bei einem Kunden müssen Schränke eingebaut werden.

17 Uhr

Feierabend

19 Uhr

Für sein paralleles Studium im Rahmen der trialen Ausbildung setzt sich Anton Mavric häufig noch abends an seinen Schreibtisch und wiederholt den Stoff aus den Vorlesungen.

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Zahntechnikerin

Kombination aus Handwerk und Medizin

Als angehende Zahntechnikerin stellt Konstanze Pieter (20) Kronen, Brücken und Zahnprothesen aller Art her. Neben handwerklichem Geschick und Präzision ist in ihrer Arbeit vor allem Kreativität und Teamgeist gefragt.

Konstanze Pieter startet gerade in das dritte Jahr ihrer Zahntechnikerausbildung, die sie direkt nach dem Abitur begonnen hat. „In meiner Familie gibt es sowohl Handwerker als auch Ärzte“, erzählt die 20-Jährige. „Ich habe mich immer für beide Bereiche interessiert. Zahntechnik ist für mich daher die perfekte Kombination.“

Ihre dreieinhalbjährige Ausbildung absolviert Konstanze Pieter im Labor Zahntechnik Berlin Vach und Ehlert GmbH. Das Team spielt bei der Arbeit eine große Rolle: „Als Zahntechniker arbeitet man immer zusammen an Lösungen für die Aufträge, die man gerade bearbeitet und tauscht sich darüber aus“, erzählt sie. „In vielen Laboren gibt es spezifische Abteilungen für beispielsweise Metall oder Kunststoffe. Bei uns bearbeitet jeder Techniker jedes Projekt von Anfang bis Ende. So werde ich eher zum Allround-Zahntechniker ausgebildet.“

Eine weitere Besonderheit ihres Arbeitgebers ist, dass Patienten zur Anprobe direkt ins Labor kommen. „Wir arbeiten für die Erstellung eines Zahnersatzes mit Fotos oder direkt am Patienten“, berichtet die Auszubildende. „So kann beispielsweise die individuelle Zahnfarbe des Patienten optimal angepasst werden.“

Von der Gipsküche zum Implantat

Ein Porträt-Foto von Konstanze Pieter

Konstanze Pieter

Foto: Gerrit Ehlert

Das erste halbe Jahr ihrer Ausbildung verbrachte Konstanze Pier in der Gipsküche. Hier werden Abdrücke desinfiziert, Modelle aus Gips erstellt und in einem Artikulator – einem Arbeitsgerät, welches dem menschlichen Kiefergelenk nachempfunden ist und somit individuelle Kieferbewegungen imitiert – fixiert. Nach und nach erweitert sich das Arbeitsspektrum eines angehenden Zahntechnikers. Sie stellen individuelle Löffel für Abdrücke her, führen Reparaturen durch, lernen, Übergangsprothesen mit Klammern, Totalprothesen und Kronen anzufertigen, bis sie im Anschluss der Ausbildung mit Implantaten arbeiten dürfen.

Zahntechniker arbeiten mit den unterschiedlichsten Materialien wie Keramik, Metall, Wachs oder Kunststoffen. Den entsprechenden Umgang mit diesen Verfahren vermittelt auch die Berufsschule: „Im Fach Werkstoffkunde lernen wir, wie die Materialien zusammengesetzt sind, ihre Funktion und den gesundheitsschonenden Umgang mit Gefahrenstoffen“, erzählt Konstanze Pieter. Ansonsten stehen Fächer wie Anatomie und Prothetik auf dem Stundenplan. „Mit dem Abitur fällt es einem an der Berufsschule leichter“, findet die Auszubildende. „Mein Latinum hilft mir beim Lernen der medizinischen Fachbegriffe.“

3-D-Drucker und Fräsmaschinen

Spannend findet die 20-Jährige die Veränderungen, die die digitale Entwicklung mit sich bringt: „Die Digitalisierung ist eine große Arbeitserleichterung. So kann man beispielsweise Zeit sparen, da die 3-D-Drucker und Fräsmaschinen auch über Nacht arbeiten können.“

Die Berliner Auszubildende hat noch eineinhalb Jahre Ausbildungszeit vor sich. „Ich möchte gerne anschließend den Meistertitel anhängen“, sagt Konstanze Pieter. „Damit darf man dann auch kompliziertere Arbeiten, wie Keramikfrontzähne oder Implantatversorgungen herstellen.“

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Zahntechnikerin

Typischer Tagesablauf

Konstanze Pieter befindet sich im dritten Jahr ihrer Ausbildung zur Zahntechnikerin. Die 20-Jährige schildert für abi>> einen typischen Arbeitstag im Labor.

7.30 Uhr

Beginn der Arbeitszeit. Konstanze Pieter sieht nach, ob es neue Aufträge gibt und sortiert sie nach Erledigungsdatum. Die Aufträge werden nicht nacheinander, sondern parallel bearbeitet, um Wartezeiten optimal nutzen zu können.

7.45 Uhr

Die Auszubildende bearbeitet die anstehenden Aufträge: Sie führt die Aufstellung einer Totalprothese in Wachs durch und modelliert eine Gusskrone.

11.30 Uhr

Mittagspause

12.30 Uhr

Konstanze Pieter führt Reparaturen durch, beispielsweise an einer Übergangsprothese mit Kunststoff.

15 Uhr

Die Auszubildende prüft, ob neue Aufträge dazugekommen sind und erstellt erneut eine Arbeitsplanung. Danach bearbeitet sie die Aufträge vom Vormittag. Sie setzt die Wachsmodellation der Totalprothese in Kunststoff um und schleift die Zahnkontakte entsprechend ein. Anschließend arbeitet sie an der Kronenmodellation weiter.

17 Uhr

Feierabend

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Abiturienten im Handwerk – Personalerstatements

Motivation ist entscheidend

Worauf legen Unternehmen bei der Suche nach Auszubildenden im Handwerk Wert? Welche Vorteile kann ein Abiturient gegenüber anderen Bewerbern haben? abi>> hat drei Personalverantwortliche aus verschiedenen Branchen befragt.

Volker Grigo, Head of Vocational Training bei der thyssenkrupp Steel Europe AG

Ein Porträt-Foto von Volker Grigo

Volker Grigo

Foto: privat

In den Handwerksberufen bilden wir Mechatroniker für Kältetechnik, Tischler und seltener auch Fotografen aus. Bei der Einstellung haben Abiturienten die gleichen Chancen wie Bewerber mit einem mittleren Abschluss, da wir einen Einstellungstest für alle durchführen. Diejenigen, die uns danach am besten geeignet erscheinen, bekommen die Möglichkeit, ein Praktikum zu absolvieren und sich dabei für einen Ausbildungsplatz zu empfehlen. Noten spielen dabei eine eher untergeordnete Rolle. Wichtiger sind uns die handwerklichen Fähigkeiten und Eigenschaften wie Fleiß, Disziplin, die Bereitschaft zum Lernen, Teamfähigkeit und Toleranz. Außerdem sind das Interesse und die Motivation entscheidend. Für Abiturienten gibt es bei uns die Möglichkeit, die Ausbildung auf zwei Jahre zu verkürzen, ein duales Studium zu absolvieren oder sich mit beruflichen Weiterbildungen weiterzuqualifizieren.

Monika Lakosne-Horvath, Abteilungsleiterin Talentmanagement bei Apollo

Ein Porträt-Foto von Monika Lakosne-Horvath

Monika Lakosne-Horvath

Foto: privat

Im Bereich Handwerk bilden wir Augenoptiker aus. Im Einstellungsverfahren ist für uns das Wichtigste, dass sich die Bewerber für die Arbeit mit Kunden interessieren, offen und kommunikativ sind. Außerdem sollte man Feingefühl und handwerkliches Geschick mitbringen sowie Interesse an naturwissenschaftlichen Fächern wie Mathe, Physik und Biologie haben. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass sich Abiturienten in der Berufsschule gerade in den naturwissenschaftlichen Fächern oft leichter tun, und deshalb sehr gute Leistungen erzielen können.

Wir bieten ein Abiturientenprogramm an, bei dem die Ausbildung von Anfang an auf zwei Jahre verkürzt werden kann. Bei Apollo können Abiturienten sehr schnell auf der Karriereleiter vorankommen. Wer das Abiturientenprogramm erfolgreich abschließt, kann sich direkt für unser Talentprogramm qualifizieren und die Weiterbildung zum Augenoptikmeister machen. Wer anschließend die Funktion der Filialleitung anstrebt, hat die Möglichkeit, ein einjähriges Traineeprogramm zu durchlaufen. So kann man theoretisch nach vier Jahren schon zur Führungskraft werden.

Uta Werner-Dick, Goldschmiede Werner in Augsburg

Ein Porträt-Foto von Uta Werner-Dick

Uta Werner-Dick

Foto: privat

Schönes werthaltig gestalten, das finden viele erstrebenswert. Der Beruf des Goldschmieds ist unter Abiturienten, die eine handwerkliche Ausbildung in Betracht ziehen, beliebt. Daher ist der Anteil der Abiturienten bei meinen Bewerbern auch entsprechend hoch.

Wer im Kunstunterricht mit Begeisterung dabei war, hat eine gute Ausgangsposition. Denn die erste und wichtigste Vorbedingung für den Beruf des Goldschmieds ist Talent. Dazu gehören Sinn für Proportionen, handwerkliches Geschick im Umgang mit Material und Werkzeug, Vorstellungskraft bei Entwurf und Zeichnung, Geduld und Präzision. Material- und Edelsteinkunde sowie Techniken und Verfahren erlernen Goldschmiede in der Ausbildung. In diesem Zusammenhang ist es für Abiturienten nicht von Nachteil, dass sie Kenntnisse in Mathe und Physik mitbringen.

Die beste Voraussetzung für einen erfolgreichen Berufsstart ist meiner Meinung nach immer noch der duale Weg: praktische Ausbildung im Betrieb und Theorie in der Schule. Dazu empfehle ich einige Erfahrungsjahre als Geselle, danach kann der Gold- und Silberschmied eine Weiterbildung ins Auge fassen, etwa die Meisterprüfung.

 

abi» Quiz

Steckt ein Handwerker in dir?

Ohne das Handwerk sähe die Welt anders aus. Es gäbe kein Brot, keine Häuser, keine Autos. Unsere gesamte Zivilisation wäre undenkbar, denn das Handwerk macht das Leben, das wir führen erst möglich. Kennst du dich mit der Geschichte, den Traditionen und Besonderheiten des Handwerks aus? Dann teste dein Wissen im abi>> Quiz.


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Stand: 20.08.2019