Von Hammer bis High-Tech
Staubig von Kopf bis Fuß und körperlich total erledigt: So kamen Handwerker jahrelang abends nach Hause. Heute ist eher der Kopf müde, von der Arbeit an modernen CNC-Maschinen und dem Tüfteln an individuellen Lösungen. Kurz gesagt: Im Handwerk von heute gibt es interessante Jobs, gute Aufstiegsmöglichkeiten und Verdienstchancen.
Im Handwerk hat sich viel geändert: moderne Maschinen, individuelle Lösungen, gute Aufstiegsmöglichkeiten und Verdienstchancen.
Foto: WillmyCC
Kristin Brändle kommt aus einer Handwerksfamilie. Schon mit 16 wusste sie, dass sie Tischlerin werden möchte. „Meine Mutter ist Tischlermeisterin und führt einen kleinen Betrieb“, erzählt sie. Dort hat die heute 22-Jährige schon zu Schulzeiten mitgearbeitet. Um eine möglichst breite Ausbildung zu bekommen, hat sie im
September 2008 bei der Karl Westermann GmbH & Co. KG in Denkendorf angefangen, einem Tischlerunternehmen mit über 60 Beschäftigten. Gefertigt werden überwiegend individuelle Schrank- und Trennwandsysteme, unter anderem für Kunden wie Adidas, Daimler Chrysler oder IBM. Nach ihrer Ausbildung möchte Kristin Brändle Berufserfahrung sammeln, dann vielleicht ihren Meister machen – womit sie dann auch die Option hätte, sich als Tischlerin selbstständig zu machen.
Gut bezahlte Fachkräfte
Karriere machen im Handwerk ist nicht nur für Kinder von Inhabern möglich. In den kommenden fünf Jahren suchen rund 200.000 Handwerkschefs einen Nachfolger. Gebraucht werden Persönlichkeiten mit fachlichem Know-how, Führungsqualität und guten Ideen für die Firmenentwicklung. Aber auch diejenigen, die keinen Betrieb übernehmen, haben gute Chancen auf eine leitende Position. Eine Stelle als Betriebs- oder Werkstattleiter können etwa Ingenieure, Meister und Techniker
bekommen, und in einem florierenden Unternehmen sind sie dann häufig auch gut bezahlt. Das bestätigt Ortwin Weltrich, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer zu Köln: „Um gute Mitarbeiter zu halten, werden auch Löhne gezahlt, die über die tarifliche Vergütung hinausgehen.“
Doch wer Karriere machen will, muss klein anfangen. Mit einer Ausbildung wird im Handwerk der Grundstein gelegt. Ein anderer Weg ist, einen dualen Studiengang in Verbindung mit einer akademischen Ausbildung zu absolvieren, also beispielsweise die Ausbildung zum Elektroniker mit einem Elektrotechnikstudium zu kombinieren. Das triale Studium „Handwerksmanagement“ an der Fachhochschule des Mittelstands in Köln kombiniert Ausbildung und Studium sogar mit dem Erwerb des Meisters. Wer sich hier einschreiben will, muss im Auswahlverfahren etwa einen Englischtest bestehen (siehe auch „Vom Azubi zum Unternehmer“).
„Gute Noten in Mathe und Physik sind für viele handwerkliche Berufe Voraussetzung“, weiß Berufsberaterin Yvonne Hollmann von der Agentur für Arbeit Stendal. Technisches Verständnis gewinnt immer mehr an Bedeutung, denn Handwerksbetriebe arbeiten zunehmend mit automatisierten Maschinen oder bauen ganze Fertigungsanlagen auf. „Gerade Abiturienten wird zugetraut, dass sie sich schneller auf technische Neuerungen einstellen können.“
Berufe werden anspruchsvoller
Dass viele Berufe anspruchsvoller geworden sind, ist offenbar noch nicht bei den Schülern angekommen. Eine vom Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) in Auftrag gegebene forsa-Umfrage von 2008 zeigt, dass rund 50 Prozent der befragten Schüler und Studierenden das Handwerk als Arbeitgeber weniger oder gar nicht attraktiv finden. Und tatsächlich gehen die Ausbildungszahlen seit Jahren zurück. 2009 schlossen rund 157.000 junge Leute einen Ausbildungsvertrag mit einem Handwerksbetrieb ab, fast acht Prozent weniger als im Vorjahr. Knapp 10.000 davon waren Abiturienten (6,3 Prozent).
Die Chancen auf einen Ausbildungsplatz sind gut, darauf weist Judith Wüllerich vom Team Arbeitsmarktberichterstattung bei der Bundesagentur für Arbeit hin: „Im August 2010 waren noch fast 20.000 freie Lehrstellen für einen Ausbildungsbeginn im Herbst bei der Bundesagentur für Arbeit gemeldet. Das sind knapp 13 Prozent mehr als noch vor einem Jahr.“ 2009 haben sich die meisten Abiturienten für Berufe wie Kfz-Mechatroniker, Tischler, Augenoptiker, Elektroniker oder Bürokaufleute entschieden. Junge Frauen wählen häufig die Gesundheitshandwerke, etwa Augenoptik, Zahntechnik oder Hörgeräteakustik.
Um mehr Abiturienten zu gewinnen, will das Handwerk die doppelten Abiturjahrgänge der kommenden Jahre nutzen. „Wir planen, mit Betrieben zu kooperieren, die gezielt nach Abiturienten suchen. Deren Ausbildungsangebote werden wir dann an die Gymnasien herantragen. Schließlich geht es auch darum, zu zeigen, welche beruflichen Perspektiven es jenseits des Studiums gibt“, erklärt Andreas Oehme, Referent für Berufsbildung des Westdeutschen Handwerkskammertags (WHKT).






