"Wir brauchen Höherqualifizierte"
Was muss man sich unter "Handwerk" eigentlich vorstellen? Und in welchen Bereichen haben Abiturienten besonders gute Chancen? abi>> fragt bei Ortwin Weltrich, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer zu Köln, nach.
In Deutschland gibt es fast eine Million Handwerksbetriebe in den verschiedensten Bereichen. Foto: Roberto Vierath
abi>>: Herr Weltrich, was sollte man über das Handwerk in Deutschland wissen?
Ortwin Weltrich: In Deutschland gibt es fast eine Million Handwerksbetriebe in den verschiedensten Bereichen, wie etwa Bau- und Ausbaugewerbe, Kraftfahrzeuggewerbe, Nahrungsmittelhandwerke oder Gesundheitshandwerke.
Fast zwei Drittel der Betriebe sind in zulassungspflichtigen Gewerben tätig, zum Beispiel Maurer und Betonbauer, Gerüstbauer, Maler und Lackierer, Elektrotechniker, Metallbauer, Karosserie- und Fahrzeugbauer, Bäcker oder Steinmetze. Die handelsorientierten Handwerke sind eher im städtischen Raum angesiedelt, die produzierenden eher auf dem Land. In diesem Bereich liegt die Betriebsgröße im Schnitt bei sieben bis acht Beschäftigten. Große Betriebe, etwa im Bereich Sanitär/Heizung/Klima oder im Maler- und Lackiererhandwerk haben auch mal 50 bis 100 Beschäftigte. Betriebe mit über 100 Mitarbeitern sind aber eher selten zu finden.
abi>>: Wodurch zeichnen sich Handwerksbetriebe aus?
Ortwin Weltrich: Handwerksbetriebe zeichnen sich durch die individuelle Lösung aus, anders als Industrieunternehmen, die Großserien produzieren. Das heißt aber nicht, dass Handwerksbetriebe nicht etwa auch mit High-Tech-Produktionsmaschinen oder modernster PC-Technik arbeiten. Erst neulich war ich bei einem Metallbauerbetrieb mit sechs Beschäftigten – alles Ingenieure und Meister –, der Speziallösungen für die Deutsche Bahn entwickelt, unter anderem Hochgeschwindigkeitskupplungen. Solche Betriebe brauchen dann natürlich Fachkräfte mit entsprechendem Know-how.
abi>>: Was bringt Abiturienten eine Ausbildung im Handwerk?
Ortwin Weltrich: Wir können nicht in allen Berufen mit hohen Ausbildungsvergütungen werben, dafür haben Handwerksbetriebe andere Vorteile: Etwa flache betriebliche Strukturen, in denen der qualifizierte Nachwuchs schneller Verantwortung übernehmen kann und auch eher die Freiheit hat, eigene Ideen umzusetzen, oder das familiäre Miteinander. Hauptsächlich suchen wir Abiturienten für Führungspositionen und als Betriebsnachfolger.
abi>>: Wie sehen solche Führungspositionen in kleinen Betrieben denn aus?
Ortwin Weltrich: Wenn man an Abiturienten mit entsprechender Ausbildung – etwa duales Studium oder Meister – denkt, dann sind sie hauptsächlich in größeren Unternehmen mit entsprechender Beschäftigtenzahl zu finden, zum Beispiel als Betriebsleiter. Aber wie gesagt bieten auch kleinere, spezialisierte Unternehmen interessante Perspektiven. Es lohnt sich, den einzelnen Betrieb anzuschauen. Und natürlich besteht die Möglichkeit, einen solchen zu übernehmen. In den Führungspositionen und in der Selbstständigkeit liegen dann auch die eigentlichen Verdienstchancen.
abi>>: 2013 steht auch in Nordrhein-Westfalen der doppelte Abiturjahrgang an: Wie geht die Handwerkskammer zu Köln damit um?
Ortwin Weltrich: Spätestens dann wollen wir mit unseren Ausbildungsberatern auch in der Studienberatung präsent sein. Damit Studienberater solche Abiturienten, die für eine handwerkliche Ausbildung geeignet wären, direkt an die zuständigen Kollegen verweisen können. Mit den Berufsberatern der Arbeitsagenturen arbeiten wir schon seit Jahren eng zusammen. Wir wollen in unserem Kammerbezirk einen Abiturientenanteil unter den Auszubildenden von deutlich mehr als zehn Prozent erzielen, denn wir brauchen mehr Höherqualifizierte, um unseren Fachkräftebedarf überhaupt decken zu können. Ich denke auch, dass wir mit den neuen „Handwerksmanagement“-Studiengängen attraktive Qualifizierungsmöglichkeiten entwickelt haben. Wir müssen die jungen Leute besser informieren, um künftig zu verhindern, dass sich gerade die Höherqualifizierten gegen das Handwerk entscheiden und gar nicht merken, was ihnen entgeht.





