Die Autobranche gibt Gas
Das Auto ist das liebste Kind der Deutschen, heißt es: Statistisch gesehen besitzen drei von vier Erwachsenen ein Auto. 2011 werden hierzulande voraussichtlich 5,8 Millionen neue Fahrzeuge produziert. Der Wirtschaftsmacht entsprechen gute Berufsaussichten in der Automobilbranche - speziell für Fachkräfte und Ingenieure.
Die Automobilbranche schaltet hoch.
Foto: Rehm
Die Affinität fürs Auto begleitet Marius Schwering schon seit seiner Carrera-Bahn. Dass der 24-Jährige jetzt bei einem der großen deutschen Autohersteller arbeitet, scheint beinahe die logische Folge zu sein. Bereits während des Zivildienstes hatte er sich bei der Adam Opel AG in Rüsselsheim für das Kooperative Studium beworben, das die Ausbildung zum Industriekaufmann mit dem Studium der Betriebswirtschaft verbindet. Jeweils Dienstag und Samstag lernte Marius Schwering an der Fachhochschule Mainz, an weiteren vier Tagen pro Woche durchlief er verschiedene Abteilungen des Betriebes. Sieben Semester lang hatte er eine Sechs-Tage-Woche, oft war der Sonntag zusätzlich Lerntag. Schwierig? „Die Rahmenbedingungen waren von Anfang an klar“, verzichtet er auf Jammern.
Seit Jahresbeginn arbeitet der frischgebackene Bachelor in Betriebswirtschaft nun in der Opel-Abteilung „European Sales Operations“ in Rüsselsheim. Dort erstellt er Prognosen für den Materialbedarf in den nächsten drei bis fünf Jahren, zum Beispiel für Klimaanlagen oder Lichtsysteme. „Ich fühle mich sehr wohl“, betont Marius Schwering. Nach dem Stress des dualen Studiums muss das Arbeiten doch wie ein Spaziergang sein? „Eher wie ein Dauerlauf“, korrigiert der Akademiker. Auch weil sich der 24-Jährige zusätzlich zu seiner 30-Stunden-Stelle für ein Masterstudium entschieden hat – nebenbei. Mit der Spezialisierung auf Marketing und Finanzwesen will er sich breit aufstellen. „Ich strebe eine Karriere bei Opel an“, plant er selbstbewusst.
Die Chancen stehen gut. Gemessen an der Beschäftigtenzahl ist die Automobilindustrie - nach dem Maschinenbau - die zweitgrößte Branche innerhalb des verarbeitenden Gewerbes. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit (BA) waren im letzten Jahr 770.000 Sozialversicherungspflichtige bei Herstellern und Zulieferbetrieben beschäftigt.
Dabei ist die Branche stark von der Konjunktur und dem Export abhängig, der über 60 Prozent des Umsatzes ausmacht. So brach der Markt auch für Autos mit der Weltwirtschaftskrise 2008 und 2009 ein, hat sich inzwischen jedoch wieder erholt. Schon 2010 stiegen die Umsätze im Vergleich zum Vorjahr um 20 Prozent auf 317 Milliarden Euro.
Rekordmeldungen nach der Wirtschaftskrise
Einen Rekord-Juli meldete etwa BMW, 129.000 Fahrzeuge wurden verkauft. Mit den Marken BMW, Mini und Rolls Royce und weltweit mehr als 96.000 Mitarbeitern zählt der Konzern zu den größten Herstellern. Der passende Nachwuchs ist deshalb ein wichtiges Anliegen. „Gesucht sind auch Mädchen in technischen Berufen“, erklärt
Manfred Theunert, Leiter der BMW Group Berufsausbildung. Zum Beispiel in Kfz-Mechatronik, Mechatronik und Verfahrens¬mechanik. Weil Hybrid- und Elektrofahrzeuge die nächste Stufe der Automobilentwicklung sind, hat BMW schon 2008 eine Zusatzqualifikation „Hybrid“ eingeführt. Auch mechanische und elektronische Vorgänge in den Fabriken sind nicht mehr zu trennen.
Wer bei BMW anfängt, sollte Interesse für technische Vorgänge mitbringen, gute Noten in naturwissenschaftlichen Fächern haben und ein klares Profil von sich abgeben. Dazu zählen Freude an Teamarbeit, ein weiter Horizont und gern soziales Engagement. Junge Menschen mit Fachhochschul- oder Allgemeiner Hochschulreife passen besonders ins „Speed Up“-Programm, ein Studium mit vertiefter Praxis und aktuell 40 Plätzen. Auch wer schon studiert, kann bei BMW noch einsteigen. Im „Fast Lane“-Programm geht es gleich auf die Überholspur mit zusätzlichen Qualifizierungen im Betrieb, dem Angebot von Bachelor- und Masterarbeiten. Das gilt für Mangelfächer wie Verfahrenstechnik, Mechatronik oder Informatik. Ganz besonders aber für den Bereich Forschung und Entwicklung. Hier sind wegen der Elektroautos E-Techniker gefragt, in wachsendem Maße aber auch Ingenieure der Kunststofftechnik. Denn Kohlefaserverbundstoffe, glaubt Manfred Theunert, werden der Werkstoff der Zukunft sein.
Nicht nur bei BMW: Die Automobil-Branche ist der Innovationstreiber in Deutschland. Fast 20 Milliarden Euro investieren die rund 600 Hersteller und Zulieferunternehmen jährlich in Forschung und Entwicklung, pro Tag werden zehn Patente angemeldet. Der Trend: das Elektroauto. Im Autosurvey, einer europaweiten Studie des Beratungsunternehmens „Ernst & Young“, für das im August 300 Unternehmen befragt wurden, sehen die Manager für 2022 schon einen Massenmarkt voraus – mit Deutschland als Weltmarktführer.
Engpässe bei hochqualifizierten Spezialisten
Da wundert es nicht, dass die Experten der Bundesagentur für Arbeit (BA) schon Engpässe bei hochqualifizierten Spezialisten wie Maschinenbauingenieuren und Elektroingenieuren vermelden. Auch Fachkräfte mit Berufsabschluss als Industrie- oder Zerspanungsmechaniker oder Kfz-Mechatroniker sowie Elektroniker sind gefragt; jährlich stellt die Branche etwa 40.000 Auszubildende ein. Die Tendenz geht dabei zu höherwertigen Bildungsabschlüssen: Die Zahl der Beschäftigten mit einem Hochschul- oder Fachhochschulabschluss ist kontinuierlich gestiegen. 2010 lag ihr Anteil fast 60 Prozent höher als 2000. Die Zahl der Mitarbeiter ohne Berufsabschluss sank im gleichen Zeitraum um ein Drittel.
Die Automobilindustrie steht auf Grund guter Entlohnungs- und Arbeitsbedingungen als sehr attraktiver Arbeitgeber da. Betriebe sind in allen Teilen Deutschlands vertreten. Angefangen bei namhaften Herstellern wie Daimler-Benz, Porsche, BMW, VW und Audi bis hin zu Zulieferern wie Bosch als dem weltweit größten. Oder Recaro (Sitze), Leoni (Kabel-bäume), Federal Mogul (Kolben) und Würth (Befestigungssysteme), Ina Schaeffler (Lager), Continental (Reifen) oder Delphi (Zünder für Airbags) – um nur einige zu nennen.
Darüber hinaus beteiligt sich die Branche stetig am Wettbewerb um die besten Köpfe. So wirbt sie im Rahmen der Internationalen Automobilausstellung (IAA) mit Aktionen für Schulklassen und den „GoIng“-Informationstagen für Ingenieure um Nachwuchskräfte. Die IAA gilt als das Forum für die Industrie und alle Autointeressierten. In ungeraden Jahren findet sie in Frankfurt mit dem Fokus auf Personenkraftwagen statt, in geraden Jahren werden Nutzfahrzeuge in Hannover ausgestellt.






