Chancen für Frühentschlossene
Geisteswissenschaftler, die sich gewissenhaft auf ihren Berufseinstieg vorbereiten, haben aussichtsreiche Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Sie sollten sich nur früh darüber im Klaren sein, in welche Richtung es beruflich gehen soll.
Über die Hälfte der Geisteswissenschaftler bleibt an der Hochschule.
Foto: Dörfel Fotodesign
Die geisteswissenschaftlichen Studiengänge, zu denen - laut Definition des Wissenschaftsrats - Philosophie, Sprach- und Literaturwissenschaften, Geschichtswissenschaften, Regionalstudien, Religionswissenschaften, Ethnologie sowie Medien-, Kunst-, Theater- und Musikwissenschaften gehören, sind beliebt: Rund ein Fünftel aller Studierenden ist in einem geisteswissenschaftlichen Studiengang eingeschrieben. Jährlich verlassen aktuell rund 17.000 Absolventen in diesem Bereich die Hochschulen. Aber die Behauptung, dass die meisten Geisteswissenschaftler sowieso keinen Job finden und schließlich als - vielleicht sogar promovierte - Taxifahrer enden, ist ein Vorurteil. Eine aktuelle Studie der Hochschul-Informations-System GmbH (HIS) über den Verbleib von Geisteswissenschaftlern zeigt, dass die Zahl der arbeitslosen Geisteswissenschaftler in der ersten Zeit nach dem Examen genauso hoch ist wie bei allen anderen Universitätsabsolventen. Im Laufe des ersten Jahres nach dem Examen sinkt ihre Arbeitslosigkeit dann deutlich und bleibt auch langfristig gesehen auf dem relativ niedrigen Niveau von etwa fünf Prozent.
Das bestätigt auch Judith Wüllerich, die bei der Bundesagentur für Arbeit für die Arbeitsmarktberichterstattung zuständig ist: „Insgesamt hat sich die Situation am Arbeitsmarkt für Geisteswissenschaftler in den vergangenen Jahren positiv entwickelt." Die Zahl der arbeitslosen Geisteswissenschaftler ist nach Angaben der BA von 11.438 im Jahr 2006 auf 8.033 im Jahr 2007 gefallen. Wie die weitere Entwicklung ab 2008 aussieht, ist durch die aktuelle Wirtschaftskrise allerdings noch nicht absehbar.
Geisteswissenschaftler arbeiten, wie die HIS-Studie ergeben hat, etwas häufiger als andere Absolventengruppen in befristeten Arbeitsverhältnissen oder als Selbstständige. Aus diesem Grund liegt auch ihr Durchschnittseinkommen deutlich unter dem anderer Absolventen, beispielsweise Wirtschaftswissenschaftler oder Ingenieure.
Beliebte Branche: die Medien
Silvie Rundel hat eine gute Stelle gefunden: Nach ihrem Studium der Kulturwissenschaften an der Universität Passau, nach verschiedenen Praktika in Verlagen und einem Traineeprogramm im Bereich Öffentlichkeitsarbeit ist sie jetzt Leiterin der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Hamburger Zeit Verlags, der unter anderem die Wochenzeitung „Die Zeit" herausbringt. „Die Redaktion bietet Stellen für Geisteswissenschaftler. Aber auch andere Abteilungen sind für diese Absolventengruppe offen", sagt Silvie Rundel. Beim Zeit Verlag können Geisteswissenschaftler zum Beispiel als Assistenten der Geschäftsführung oder im Veranstaltungsbereich arbeiten. Über 100 Termine finden hier im Laufe des Jahres statt: Podiumsdiskussionen, Autorengespräche, Preisverleihungen und viele andere.
„Geisteswissenschaftler bringen oft das notwendige Organisationstalent mit", weiß Silvie Rundel. In der Redaktion punkten die Mitarbeiter mit ihrem tiefen Fachwissen aus den einzelnen Bereichen: Kultur- und Literaturwissenschaftler arbeiten beispielsweise gern als Feuilletonredakteure, Politikwissenschaftler im Politikressort. „Aber nicht immer ist die Zuteilung so strikt. Auch Absolventen anderer Fachrichtungen können sich in die Themen der einzelnen Ressorts einarbeiten", sagt Silvie Rundel. Ihr Tipp: „Auf einen Fachbereich spezialisieren kann man sich immer noch. Wichtiger ist, das zu studieren, was einem wirklich Spaß macht."
Silvie Rundel wusste schon früh, was sie nach dem Studium machen möchte: „Mein Fokus lag schon immer klar auf den Medien", erinnert sie sich. Damit hat sie von der Vorgehensweise alles richtig gemacht. Judith Wüllerich rät Geisteswissenschaftlern nämlich, „sich bereits frühzeitig Gedanken darüber zu machen, in welchem Feld sie einmal arbeiten möchten und sich entsprechend durch Praktika und ergänzende Kurse an der Hochschule zu spezialisieren". Wichtig sei auch, so die Arbeitsmarktexpertin, „sich selbstbewusst auf Stellen zu bewerben, die nicht explizit für Geisteswissenschaftler ausgeschrieben sind, aber durchaus dem eigenen Profil entsprechen. Denn die wenigsten Stellenausschreibungen wenden sich direkt an diese Absolventengruppe."


