Viele Aufträge, viel Konkurrenz
Ob Übersetzer, Fremdsprachensekretäre oder Philologen: Für sie ist die Beherrschung einer oder mehrerer Sprachen das A und O bei der Ausübung ihrer Tätigkeit.
Sara Ingenfeld organisiert Sprachunterricht in Firmen und betreut Lehrer und Schüler aus dem Ausland.
Foto: Privat
Das erste Jahr nach ihrem Abitur verbrachte Sara Ingenfeld in London. „Ich wollte unbedingt etwas mit Sprachen machen“, erinnert sich die 24-Jährige. Sie entschloss sich, die gebührenpflichtige zweijährige Ausbildung zur Europasekretärin an der F+U Academy of Languages in Heidelberg zu absolvieren. Neben Fächern wie Betriebswirtschaftslehre, EDV und Handelskorrespondenz sind Englisch, Französisch und Spanisch fester Teil der Ausbildung. Auf Stellensuche musste sich Sara Ingenfeld nach ihrem Abschluss gar nicht erst begeben. Noch bevor sie ihr Zeugnis in der Hand hielt, wurde ihr von der Institutsleitung eine Stelle im Sekretariat angeboten. Aber auch ihre Mitschüler hätten keine Schwierigkeiten gehabt, unterzukommen, erzählt sie.
Heute organisiert Sara Ingenfeld Sprachunterricht in Firmen, teilt Klassen ein, bearbeitet eingehende Bewerbungen, wirbt Lehrer an und betreut Schüler und Lehrer aus dem Ausland: „Schüler und Lehrer, die gerade erst ankommen, können meist noch kein Deutsch und brauchen jemanden, der ihnen hilft, sich zurechtzufinden“, sagt sie.
Sprache im Mittelpunkt
Im Arbeitsfeld Fremdsprache gibt es vielfältige Ausbildungsmöglichkeiten, die sich teilweise nach Bundesland unterscheiden. Bekannte Ausbildungen sind etwa Fremdsprachensekretär/in und Fremdsprachenkorrespondent/in, die in der Regel an Berufsfachschulen ausgebildet werden und mit einer staatlichen Prüfung abschließen. Daneben gibt es weitere Qualifizierungswege, die etwa erweiterte Fremdsprachenkenntnisse vermitteln, beispielsweise die Ausbildung beziehungsweise Weiterbildung zum/zur Europasekretär/in, die mit einer staatlichen Prüfung oder einer Kammerprüfung abschließen kann und auch an privaten Bildungseinrichtungen angeboten wird.
Bei all diesen Tätigkeiten zählen die Sprachkenntnisse zur Kernkompetenz im beruflichen Alltag und kommen regelmäßig zum Einsatz. Absolventen können in nahezu allen Wirtschaftszweigen eine Anstellung finden. So zum Beispiel bei der Allianz, die in 70 Ländern aktiv ist: „Gerade in der Holding in München sind Europasekretäre und Fremdsprachenkorrespondenten gefragt“, sagt Vera Werner, Sprecherin Personalthemen des Unternehmens.
Daneben steht die Sprache bei einer Reihe von Studiengängen im Mittelpunkt. Das können beispielsweise Anglistik, Romanistik oder Japanologie sein. Nach ihrem Abschluss arbeiten die meisten Sprachwissenschaftler in kulturellen oder Bildungseinrichtungen, bei Verbänden oder bei den Medien. In der freien Wirtschaft bestehen gute Chancen in Bereichen wie Marketing, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit oder im Import/Export.
Wichtige Voraussetzungen für den Start ins Berufsleben sind Praxiserfahrung, zum Beispiel aus Praktika oder Nebenjobs, und der Erwerb zusätzlichen Fachwissens, etwa betriebswirtschaftlicher Kenntnisse. „Sprachkenntnisse sind stets wertvoll und bringen Pluspunkte für Bewerber. Allein aus diesem Grund stellen wir allerdings keine Kandidaten ein, wenn sie nicht über entsprechende fachliche Qualifikationen für die ausgeschriebene Position verfügen“, stellt Gabi Rujoub, Leiterin der Unternehmenskommunikation des Automobilzulieferers Brose, klar. Ralf Beckmann, Arbeitsmarktexperte der Bundesagentur für Arbeit, zufolge, hat sich der Arbeitsmarkt für Geisteswissenschaftler in den letzten Jahren positiv entwickelt. So sei die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten auch 2009 weiter angestiegen und die Arbeitslosigkeit gesunken. Dennoch rät er: „Absolventen sollten sich möglichst frühzeitig über mögliche Tätigkeitsfelder informieren und auf ein klares, arbeitsmarktgerechtes Qualifikationsprofil hinarbeiten.“
Wer täglich mit Sprache arbeiten will und zusätzlich pädagogisches Talent mitbringt, kann ein Lehramtsstudium aufnehmen. Wie der künftige Bedarf aussieht, ist je nach Schultyp, Unterrichtsfächern und Bundesland verschieden. „Bei den Fremdsprachen ist keine einheitliche Tendenz erkennbar“, sagt Ralf Beckmann. „In vielen Bundesländern herrscht ein Überangebot in dem Fach Englisch, in anderen ist jedoch ein Mangel vorzufinden. Die Kultusministerien vieler Bundesländer stellen für Studieninteressierte im Internet hierzu genauere Informationen zur Verfügung.“
Arbeitsmarkt für Dolmetscher und Übersetzer gut entwickelt
Die Klassiker unter den Studiengängen sind allerdings der Dolmetscher und der Übersetzer. Hier lernt man nicht nur die Sprache, sondern arbeitet sich auch in ein Fachgebiet ein. Das kann Technik, Jura, Medizin oder Wirtschaft sein. „Man studiert das Fach zwar nicht vollwertig, erwirbt aber so viel Hintergrundwissen, um Fachtexte übersetzen zu können. Manche machen sogar ihr Hobby zum Fachgebiet und werden zum Beispiel Spezialisten für Reitsport“, sagt Norma Keßler, Vizepräsidentin des Bundesverbandes der Dolmetscher und Übersetzer (BDÜ). Auch an einer Berufsfachschule oder einer anderen Bildungseinrichtung kann man sich zum Dolmetscher oder Übersetzer ausbilden lassen. Das dauert in der Regel zwei bis drei Jahre und geht mit einer Spezialisierung, zum Beispiel als Wirtschaftsdolmetscher, einher.
Denn eines ist klar: Die Bedeutung von Fremdsprachen wächst in der globalisierten Arbeitswelt. Die Generaldirektion Übersetzung der Europäischen Kommission veröffentlichte 2009 die Ergebnisse einer von ihr beauftragten Studie zum Sprachdienstleistungsmarkt in der Europäischen Union, wonach von einer jährlichen Wachstumsrate des Auftragsvolumens von mindestens zehn Prozent auszugehen ist. Die EU-Kommission unterhält den weltweit größten Dolmetscher- und Übersetzungsdienst. Sie stellt Übersetzer, Dolmetscher, Assistenten, aber auch Personal für Verwaltungsaufgaben rund um die Übersetzungsarbeit ein. Zurzeit beschäftigt sie über 2.300 Übersetzer und 550 fest angestellte Dolmetscher sowie eine große Anzahl von Freiberuflern.
Das größere Auftragsvolumen ist jedoch nicht automatisch gleichbedeutend mit mehr Stellenangeboten in Deutschland. Die Konkurrenz aus dem Ausland ist groß. Übersetzer und Dolmetscher haben gute Chancen, wenn sie sich als Spezialisten für schwierige Fachtexte profilieren. Arbeitsmarktexperte Ralf Beckmann weist auf die positive Entwicklung hin: „Die Situation am Arbeitsmarkt für Dolmetscher und Übersetzer hat sich 2009 trotz Wirtschaftskrise gut entwickelt. 2.400 Übersetzer und Dolmetscher waren 2009 im Durchschnitt arbeitslos. Damit ist die Arbeitslosigkeit, insbesondere bei den Übersetzern, entgegen dem allgemeinen Trend weiter gesunken. Die Nachfrage ist allerdings gegenüber dem Vorjahr auch zurückgegangen. Als angehender Absolvent sollte man auf jeden Fall auch eine selbstständige Tätigkeit ins Auge fassen, denn mehr als die Hälfte der in Deutschland tätigen Dolmetscher und Übersetzer arbeiten freiberuflich.“





