Rechtsnormen und Paragraphen
Als Freiberufler mit eigener Kanzlei, bei Gericht oder als Syndikus in einem Unternehmen — für Juristen gibt es verschiedene Arbeitsfelder. In welchem man schließlich landet, hängt neben den eigenen Interessen unter anderem auch von der Examensnote ab.
Melanie Haese ist eine von rund 237.000 erwerbstätigen Juristen.
Foto: Techniker Krankenkasse
Melanie Haese arbeitet als Juristin in der zentralen Rechtsabteilung der Techniker Krankenkasse in Hamburg. „Während des Referendariats bin ich mit dem Sozialrecht in Kontakt gekommen und habe festgestellt, dass mich dieser Bereich sehr interessiert. Für eine Tätigkeit in einem Unternehmen habe ich mich entschieden, weil ich dort in einem Team arbeiten kann, was in einer eigenen Kanzlei meist nicht möglich ist“, sagt die Volljuristin, die das erste und zweite Staatsexamen absolviert hat. In der Zentralen Rechtsabteilung der Krankenversicherung, in der fast ein Dutzend Juristen beschäftigt sind, werden beispielsweise aktuelle Gesetzesvorhaben beurteilt sowie sozialrechtliche und unternehmenspolitische Grundsatzthemen begleitet. Dazu gehören zum Beispiel neue Angebote zur Prävention von Krankheiten oder der Aspekt, wie neue Wahltarife für die Versicherten ausgestaltet werden. In diesem Zusammenhang analysiert Melanie Haese aktuelle Rechtsfragen und schreibt Gutachten. Zudem steht die 31-Jährige den einzelnen Fachabteilungen der Krankenkasse beratend zur Seite. „Bei der Ausgestaltung neuer Leistungen und Angebote geht es nicht nur um medizinische Aspekte, sondern auch darum, auf welche Rechtsgrundlage sich die Leistungen stützen können“, erklärt die Juristin. „Grundlage hierbei ist insbesondere das Sozialgesetzbuch, wo die Aufgaben der gesetzlichen Krankenkassen verankert sind.“
Vielfältige Einsatzfelder
Melanie Haese ist eine von rund 237.000 Juristinnen und Juristen bundesweit, die nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 2010 erwerbstätig waren. Davon waren 51.000 sozialversicherungspflichtig beschäftigt, also angestellt. Jeder vierte dieser Angestellten arbeitete wie Melanie Haese im Öffentlichen Dienst, 39 Prozent waren in Anwaltskanzleien angestellt und 37 Prozent in der freien Wirtschaft. Dort kommen Juristen unter anderem in der Rechts-, Steuer- und Unternehmensberatung unter, bei politischen Interessenvertretungen oder in der Rechtsabteilung von Wirtschaftsunternehmen.
Rund 40 Prozent aller Juristen sind selbstständig tätig und haben beispielsweise eine eigene Anwaltskanzlei. Neben den selbstständigen und den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten gibt es aber auch noch einige verbeamtete Juristen, die beispielsweise in der Öffentlichen Verwaltung, in Ministerien, Ämtern und Behörden arbeiten. Zum Stichtag 31.12.2010 waren außerdem laut Bundesjustizamt insgesamt 20.400 Juristinnen und Juristen als Richter und 5.200 als Staatsanwälte tätig. Sowohl für eine Tätigkeit als Richter oder Staatsanwalt als auch als Rechtsanwalt braucht man das erste und das zweite Staatsexamen. Wer in der Wirtschaft arbeiten möchte, muss nicht unbedingt ein Staatsexamen machen, sondern hat beispielsweise auch mit einem Master in Wirtschaftsrecht gute Chancen, beispielsweise als Referent in der Rechtsabteilung eines Unternehmens.
Selbstständigkeit ins Auge fassen
Im Nachgang der Wirtschaftskrise 2008/09 waren die Chancen für Juristen nicht die besten. Vor allem Berufsanfängern ohne oder mit geringer Berufserfahrung fiel der Berufseinstieg schwer. So waren 2010 fast zwei Drittel der arbeitslosen Juristen jünger als 35 Jahre. „Dennoch sind Juristen insgesamt vergleichsweise selten von Arbeitslosigkeit betroffen und die Arbeitslosigkeit ist auch unter Juristen aktuell rückläufig“, stellt Ralf Beckmann, Arbeitsmarktexperte der Bundesagentur für Arbeit klar. „In den ersten drei Quartalen 2011 waren rund 5.900 Juristen arbeitslos gemeldet, sechs Prozent weniger als im gleichen Zeitraum 2010. Auch die Zahl der gemeldeten Arbeitsstellen stieg 2011 wieder an.“
Seit Jahren steigt auch die Zahl der zugelassenen Rechtsanwälte. Zum 1. Januar 2011 waren laut Bundesrechtsanwaltskammer insgesamt rund 155.700 Rechtsanwälte zugelassen, etwa 1,5 Prozent mehr als im Vorjahr. Fast ein Drittel der Anwaltschaft ist mittlerweile weiblich.
Nach Meinung von Rechtsanwalt Martin W. Huff, Geschäftsführer der Rechtsanwaltskammer Köln, geht der Trend zum Fachanwalt, der höhere Umsätze erzielt als Rechtsanwälte ohne Spezialisierung. Auch wirtschaftliche Kenntnisse werden immer wichtiger. „Denn um Mandanten gut vertreten zu können, müssen Anwälte auch mit Zahlen umgehen können.“ Die meisten Fachanwälte gibt es derzeit im Bereich des Arbeitsrechts. Steigende Zuwächse bei den Fachanwaltschaften sind laut Bundesrechtsanwaltskammer besonders beim Verkehrsrecht, Miet- und Wohneigentumsrecht sowie Bau- und Architektenrecht zu verzeichnen.
Prädikatsexamen gefragt
Wer sich nicht selbstständig machen, sondern beispielsweise als angestellter Anwalt in einer renommierten Großkanzlei einsteigen möchte, muss hohe Anforderungen erfüllen. „Für eine Tätigkeit in einer Top-Kanzlei werden zwei Prädikatsexamina, also die Note ,voll befriedigend‘, verhandlungssicheres Englisch, mindestens ein Auslandssemester sowie idealerweise sogar Berufserfahrung im Ausland erwartet“, sagt Jens Hohensee, Personalberater bei Kienbaum Executive Consultants in Hamburg. Auch die Persönlichkeit spiele eine immer wichtigere Rolle: „Neben Durchsetzungsfähigkeit und rhetorischem Geschick ist auch Akquisestärke gefragt, um neue Mandate für die Kanzlei generieren zu können.“
Gute Noten braucht auch, wer als verbeamteter Jurist im Staatsdienst arbeiten möchte, also als Richter oder Staatsanwalt. Die Einstellungsbedingungen sind zwar von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich, aber „in der Regel werden zwei Prädikatsexamen verlangt, auch auf Soft-Skills wie soziale Kompetenz wird inzwischen Wert gelegt“, weiß Christine Nordmann, Sprecherin des Bundesvorstands der Neuen Richtervereinigung. „Typisch für den Arbeitsalltag von Richtern und Richterinnen ist es, dass sie zunächst mit dem Aktenstudium befasst sind, bevor sie in Kontakt mit den betroffenen Menschen kommen“, sagt Christine Nordmann.
Und wer sich für eine Anstellung beispielsweise in der Rechtsabteilung eines Unternehmens oder im öffentlichen Dienst entscheidet? Rainer Pern, Personalberater bei der Techniker Krankenkasse, beschreibt beispielhaft die Anforderungen: „Die Arbeit als Jurist bei der Techniker Krankenkasse ist anspruchsvoll und vielfältig. Deswegen suchen wir Rechtswissenschaftler, die mit überdurchschnittlichem Erfolg das erste und zweite Staatsexamen abgeschlossen haben. Neben fundierten Rechtskenntnissen aus dem jeweiligen Fachgebiet, wie zum Beispiel Sozialrecht, Vergaberecht oder Arzneimittelrecht, sollten die Interessenten auch über Beratungskompetenz und Kommunikationsstärke verfügen.“




